Der große Chaostage-Schwindel

Fröhliches Feiern
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Knox
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Der große Chaostage-Schwindel

#1 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 04:57

Der große Chaostage-Schwindel

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Das war knapp. Der heimtückische Plan, München während der diesjährigen Chaostage in Schutt und Asche zu legen, ist im allerletzten Moment gescheitert. Auch das vom bayrischen Innenminister Günther Beckstein entworfene Schreckensszenario, Punks könnten "aus Spaß in einen Biergarten gehen und den Leuten ins Bier spucken", wurde zum Glück gerade noch verhindert. Das verdanken die Münchener Bürger und Biertrinker ihrem Innenminister und seinen wackeren Einsatzkräften, die sich am ersten Augustwochenende in Regimentsstärke den nicht angereisten Chaoten mutig entgegenstellten und dabei die Landeshauptstadt in eine Polizei-Festung verwandelten. Schließlich drohten in der Isar-Metropole apokalyptische Zustände: Chaostage, Krawalle, Straßenschlachten und Plünderungen - so stand's zumindest zuvor in den Zeitungen und Magazinen, davon sprach auch das TV. Und der Verfassungsschutz rechnete mit Hunderten von gewaltbereiten Chaoten.
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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#2 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 04:58

Der große Chaostage-Schwindel


Daß sich Verfassungsschützer irren können, weiß man. Und daß sie die bundesdeutsche Punkerszene schlecht mit Dosenbier trinkenden V-Leuten in Punk-Uniform unterwandern können, leuchtet ein. Aber die Medien, die Journalisten, hätten es besser wissen können. Dafür hätte sogar ein kurzer Blick ins Archiv genügt. Denn Chaostage sind nun mal keine Erfindung des Jahres 2002, sondern haben inzwischen eine 20jährige Geschichte. Bereits seit Mitte der 90er Jahre, als es in Hannover tatsächlich heftig krachte und die Steine flogen, hat sich um sie ein Ritual entwickelt, das beinahe alljährlich wiederholt wird. Und das auf einem Trick basiert, der trotz seines Alters immer noch funktioniert: Anfang des Jahres wird über das Internet zu Chaostagen aufgerufen, am besten mit möglichst martialischen Parolen. Da zum Zeitpunkt des vermeintlich drohenden Punktreffens Anfang August sowieso das mediale Sommerloch vor sich hin gähnt, werden diese vermeintlich echten Aufrufe und Drohungen irgendwann von den Medien aufgegriffen - und durch die dann folgenden zahlreichen Berichte wird das im Grunde nur virtuell drohende Chaos zu einer realen Gefahr aufgebläht.

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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#3 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 04:59

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Aber nicht nur dieser Trick ist in die Jahre gekommen, sondern auch Karl Nagel, der ihn seit 1995 meisterlich beherrscht. Wie man mit den Medien ein Spielchen spielt und mit geringstem Einsatz die größtmögliche Aufmerksamkeit erzielt, das hat der mittlerweile 41jährige vor allem zwischen 1995 und 1997 nachhaltig demonstriert. Zu dieser Zeit spukte der gebürtige Hannoveraner, der schon bei den ersten Chaostagen 1982 mitgemischt hatte, als sogenannter "Internet-Punk" durch die Nachrichten. Den Anlaß für den von Nagel damals zum ersten Mal inszenierten Chaostage-Schwindel lieferte das Jahr 1994. Nach zehnjähriger Pause riefen Hannoveraner Punks auf verschiedenen Flugblättern für den 5. bis 7. August zu den 4. Chaostagen in Hannover auf. Doch was ursprünglich als eine Art Veteranentreffen gedacht war, führte statt dessen zur Geburt der auch 2002 wieder aufgefrischten "Schutt und Asche"-Legende. Erfunden wurde diese Parole von einer hannoverschen Boulevard-Zeitung, die in einem Bericht schrieb, daß die Punks "nach eigenen Angaben" gekommen seien, um "Hannover in Schutt und Asche zu legen". Eine Behauptung, die auf einem angeblich von der Polizei gefundenen Flugblatt beruhte und von allen anderen Medien, selbst der taz, unüberprüft übernommen wurde.
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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#4 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 04:59

Der große Chaostage-Schwindel


"Todesangst in der Nordstadt"

Als es dann am ersten August-Wochenende bei einem Punkkonzert zu einer zehnminütigen und eher harmlosen Prügelei kam, schien Hannover tatsächlich kurz vor einem Bürgerkrieg gestanden zu haben - glaubte man zumindest den bundesweiten Schlagzeilen, die anschließend von Ungeheuerlichem berichteten: "Todesangst in der Nordstadt" - "Blut klebte an Steinen und Containern" - "Orgie der Gewalt" - "Überall umgestürzte und brennende Autos" - "Randalierer tobten durch Hannover" - "Vor Haustüren und in Fluren tobte der Punkerterror".
In all diesen Berichten tauchte immer wieder die Behauptung auf, die Punks wollten Hannover in Schutt und Asche legen. Doch das Flugblatt, auf dem die Parole gestanden haben soll, wurde nie gezeigt. Rund ein Dutzend Journalisten, erinnert sich Nagel heute, hätten sie damals persönlich dazu aufgefordert, sich das angebliche Flugblatt doch von der Polizei zufaxen zu lassen. "Aber nur einer - ein Spiegel-Journalist - setzte dies in die Tat um. Dabei kam raus, daß es das Flugblatt gar nicht gab." Und das war dem Spiegel dann eine klitzekleine Meldung wert.
Daraufhin beschloß Nagel, selbst ein Erfinder von Informationen und Nachrichten zu werden - Motto: Von heute an wird zurückgelogen. Und die unter anderem von ihm dann vor den Chaostagen '95 verbreitete Mischung aus Falschem und Wahrem war so geschickt aufbereitet, daß fast alle auf sie hereinfielen. Selbst der größte Unfug taugte noch für eine Schlagzeile. So mußte der Bürger entsetzt in seiner Zeitung lesen, daß die Punks in Hannover eine Massenvergewaltigung von Polizistinnen, einen Anschlag mit dem Ebola-Virus und ein Gipfeltreffen des Terrorismus samt anschließendem "Kulturabend mit Film: ›Die Helden der RAF‹" planten.

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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#5 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 05:00

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All dies wurde zwar auf realen Flugblättern angedroht, doch diese hatten eine Auflage von nur wenigen Exemplaren und wurden gezielt Meinungsmachern und Agenturen zugespielt. Sogar Parolen, die ausdrücklich als Fake gekennzeichnet waren, wurden ernst genommen und verwandelten sich so via Zeitungs- oder TV-Bericht zu echten Drohungen. Und dann kam das Internet ins Spiel: In verschiedenen Nachrichtengruppen des weltweiten Computernetzes verbreitete im Sommer 1995 eine so genannte "Lagergang" regelmäßig Informationen zu den für August erneut angedrohten Chaostagen. Ein Interview mit einem Mitglied der Lagergang, also mit Karl Nagel, in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hatte Folgen - auch für den Interviewer. Der Stern wollte unbedingt mit Nagel sprechen, gegen ein Info-Honorar natürlich, das Pro7-Politmagazin "Die Reporter" erschien mit einem dreiköpfigen TV-Team, um die Internetseiten der Lagergang vom Monitor abzufilmen, und schließlich wollte Focus wissen, wer die Rädelsführer der Chaostage seien, und natürlich den Chef der "Internet-Punks" interviewen. Das lehnte Nagel allerdings ab, weil er mit Focus nichts zu tun haben wollte, dafür erhielt das Magazin die von ihm zusammengestellte Flugblattdokumentation "Die Chaostag-Papiere: Dokumente des Grauens - Die geheimen und kriminellen Pläne der Punker aufgedeckt" und druckte sie in Auszügen als echte Dokumente des Schreckens ab. Schließlich rauschte der Blätterwald so heftig und berichteten die TV-Sender so häufig über das zu erwartende Chaos, daß tatsächlich Hunderte davon Motivierte nach Hannover reisten und sich auf den Chaostagen etwa 3000 Punks, Hooligans, türkische Jugendliche und Autonome mit der Polizei blutige Straßenschlachten lieferten. Das Chaos, das ein Jahr zuvor von den Medien sensationslüstern angekündigt worden war, war also nun dank der tatkräftigen Mithilfe der gleichen Medien Wirklichkeit geworden.
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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#6 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 05:01

Der große Chaostage-Schwindel

Ein Jahr darauf wiederholte sich das Spielchen. Anfang Mai gab es die ersten Zeitungsberichte über die "Internet-Punks", die inzwischen über einen eigenen "Cannibal-Home-Channel" im Internet verfügten. Hannovers Polizeipräsident verbot daraufhin kurzerhand die Chaostage '96, und am ersten Augustwochenende sorgten 6000 Polizisten unter der Beobachtung von rund 500 Journalisten erfolgreich dafür, daß die niedersächsische Landeshauptstadt punkfrei blieb.
Kurz nach diesen durchaus sehenswerten hannoverschen Journalisten- und Polizei-Festspielen schrieb Karl Nagel eine E-Mail an rund 40 Redaktionen und Journalisten: "Wir hätten uns niemals träumen lassen, daß man soviel Scheiße schreiben kann und trotzdem ernstgenommen wird! Habt Ihr Euch eigentlich jemals gefragt, WESHALB wir diesen schönen Kanal betrieben? Es ging darum, EUCH zu den Chaostagen zu mobilisieren! All den Dreck, all die ›Schutt und Asche‹-Scheiße, mit der Ihr die Punkszene in den letzten beiden Jahren überschüttet habt, wurde Euch nun gut präpariert selbst als Fraß vorgesetzt. Und nun leidet Ihr an einer kräftigen Informationsvergiftung!"

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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#7 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 05:02

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"Dortmund, das Chaos kommt!" Die Vergiftung wirkt bis heute - vor allem auf das Erinnerungs- und Denkvermögen vieler Journalisten, die bei dem Stichwort "Chaostage" offensichtlich unter schwerer Amnesie leiden oder aus reiner Faulheit alle Jahre wieder ihre Chaos-Schlagzeilen fröhlich recyceln. Beispielsweise im Jahre 2001, als dunkle Mächte im Internet zur "Schutt und Asche"-Legung von Dortmund und Cottbus aufriefen. Statt sich über den Abriß von Cottbus zu freuen, sorgte sich am 31. Juli die Nachrichtenagentur AP um die Sicherheit des Städtchens. Unter der Überschrift "Mehrere Hundertschaften der Polizei riegeln die Stadt gegen Punks ab - Aufrufe der Szene im Internet" hieß es: Die Polizei in Cottbus bereitet sich auf mögliche Chaostage am Wochenende in der brandenburgischen Stadt vor. Hundertschaften aus vier Bundesländern und vom Bundesgrenzschutz würden verhindern, daß Punks ›ohne guten Grund‹ die Stadt betreten, sagte Polizeisprecher Berndt Fleischer am Dienstag. Zur Zeit kursieren im Internet Aufrufe der Szene, Cottbus zu verwüsten. Allerdings wurde Fleischer zufolge auch Dortmund als Ort für das Punker-Treffen genannt. Und neben anderen Blättern ließ sich auch Bild von den im Internet kursierenden Aufrufen beeindrucken, kümmerte sich aber mehr um die Leser im Ruhrgebiet: "DROHUNG AN EINE STADT - DORTMUND, DAS CHAOS KOMMT!"
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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#8 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 05:04

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Daß diese rein virtuellen Drohungen in der realen Punkszene kaum eine Resonanz fanden und finden, hätte man im Lauf der Jahre eigentlich merken müssen. Dennoch machen die meisten Zeitungen ungebrochen weiter, greifen alle Jahre wieder fast schon gierig jeden Internet-Fake auf und verwandeln ihn in ihren Berichten in das sattsam bekannte Schreckensszenarium. Das wiederum führt in der angeblich bedrohten Stadt zu einem Polizeiaufmarsch und macht natürlich stets auch eine Handvoll Punks neugierig, die anreisen, um von der polizeilichen Übermacht allerdings dann am Biertrinken und Krawallmachen konsequent gehindert zu werden.
Obwohl dieses alljährliche Spiel zwischen den Medien, der Polizei und den virtuellen Punks im Internet inzwischen so ausgelutscht ist, daß jeder halbwegs vernunftbegabte Mensch bei der Ankündigung von krawalligen Chaostagen sofort einen Lach- oder Gähnanfall bekommt, funktionierte es auch im Jahre 2002, und zwar auf so absurd-lächerliche Weise, daß selbst Karl Nagel von den Ereignissen ein wenig überrascht wurde.
Nagel, der sich längst von der Punkszene verabschiedet hat und in Hamburg sein Geld brav als Programmierer verdient, hatte in diesem Jahr zwar zu allem Lust, bloß nicht zum Veranstalten von Chaostagen in München. Dennoch wurde er in den Medien zum Veranstalter gekürt. Den Anlaß lieferte seine Internet-Seite www.chaostage.de, auf der er seit Jahren schon an einem Archiv der Chaostage herumbastelt.
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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#9 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 05:05

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"Punks rüsten zum ›Marsch auf München‹"

Nachdem ihm Ende 2001 ein paar Flugblätter in die Hand geraten waren, die für 2002 zu Chaostagen in München, Essen, Berlin und anderen Orten aufriefen, und nachdem Edmund Stoiber im Januar zum Kanzlerkandidaten ernannt worden war, beschloß Nagel, München gleichsam im Alleingang in Schutt und Asche zu legen. In seinem noch unveröffentlichten Protokoll der Chaostage beschreibt er sein mannhaftes Unterfangen: Meine Erfahrung sagt mir, daß die Chaostage diesmal eine enorme mediale Resonanz haben werden, weil natürlich alle Nachrichten im Zusammenhang mit Stoiber für die Medien interessant sind, gerade wenn sich dadurch Konflikte, am besten gewalttätiger Natur, auftun. Obwohl mich die ganze Chaostage-Thematik eigentlich nicht mehr so richtig vom Hocker haut, setze ich mich noch mal einen Abend hin und hämmere eine Einschätzung für www.chaostage.de zusammen. Gespickt mit vielen erfundenen Zitaten, die aber dennoch deutlich als eben ZITATE gekennzeichnet sind. Das bleibt dann aber für fast ein halbes Jahr das einzige, was ich zu den Münchener Chaostagen beitrage.
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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#10 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 05:06

Der große Chaostage-Schwindel

Zwar wurde über Nagels Einschätzung bereits im Februar von Focus und der Internet-Zeitung www.netzeitung.de kurz berichtet, aber das blieb ohne große Resonanz. Doch Ende Mai betrat der Spiegel die Nachrichtenbühne. In einer Vorabmeldung berichtete das Hamburger Nachrichtenmagazin, daß die Chaostage in diesem Jahr in München stattfinden sollten. Zitiert wurden im Text "die Veranstalter des Punkertreffens", die im Internet "melden", daß sich die Szene dieses Jahr wegen der "Kür des CDU/CSU-Kanzlerkandidaten" auf München statt wie sonst auf Hannover konzentriere. Geplant seien, hieß es weiter, von den Veranstaltern Ereignisse, "die den Verantwortlichen schon jetzt Sorgenfalten bescheren dürften".
Am Schluß dieser Meldung wurden natürlich noch die Spielgefährten der Punks erwähnt, also "die bayerischen Sicherheitsbehörden und der Verfassungsschutz", die angesichts der Aufrufe im Internet ebenfalls Krawalle befürchteten. Kurzum: eine Spiegel-Geschichte, die einzig auf Nagels Chaostage-Seite fußte und die so brisant erschien, daß sie von der Nachrichtenagentur dpa sofort aufgegriffen wurde und dann bundesweit die Runde machte.
Genau das war die eigentliche Geburtsstunde der Münchener Chaostage, danach wurde wie in all den Jahren zuvor in den Medien wochenlang über das vermeintlich drohende Chaos geunkt und spekuliert, und während sich die Polizei in München im Sommer auf bis zu 3000 anreisende Punks vorbereitete, wurde der vom Spiegel zum "Veranstalter" gekürte Nagel zum gefragten Gesprächspartner von Zeitungen wie der Süddeutschen:

22. Juli/10:20 Uhr
Telefoninterview und Gespräch mit Jörg Schallenberg von der SZ. Gebe mir reichlich Mühe, ihm die Verbrechen auch der "besseren Medien" à la Spiegel und SZ um die Ohren zu schlagen. Der anfänglich schwache Widerstand ermattet überraschend schnell... Schallenberg bestätigt immer wieder viele meiner Einschätzungen hinsichtlich der Funktionsweise von Medien. (aus Nagels "Chaostage-Protokoll")

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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#11 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 05:07

Der große Chaostage-Schwindel

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Und Nagel gibt sich jetzt alle Mühe:

22. Juli/12:30 Uhr
Jörg Schallenberg ruft noch einmal an und berichtet, daß das Gespräch doch so fruchtbar gewesen sei, daß bereits in ca. zwei Tagen ein größerer Bericht inkl. Interview in der SZ erscheint. Dazu werde aber noch ein Foto benötigt. Kein Problem, habe ja eine Digitalkamera. Ich brauche ordentliche Verbrecherfotos, damit jeder andere Journalist, der die SZ liest, Blut riecht. Ich übe eine Mischung aus Clint-Eastwood-Blick und Mafiafresse, und schließlich sind die Bilder im Kasten.

Die Rechnung geht auf, das Interview erscheint am nächsten Tag, und es ist eindeutig uneindeutig: Nagel spricht vom "Prinzip ›Chaos durch Angst vor Chaos‹", das voll aufgeht - schließlich steht zu vermuten, daß die Polizei "München für drei Tage in ein Chaos" verwandelt: "Die werden alle Leute aufgreifen, die bunte Haare haben." Außerdem seien bekanntlich "gerade die Münchner immer die begeistertsten Chaostage-Besucher, das war fast schon so eine Kerntruppe. Als die gehört haben, da sind wieder Chaostage, da sind die komplett nach Hannover gefahren." Flankiert wird das Interview von einem Bekenner-Aufruf, den Nagel als Video ins Netz stellt.
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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#12 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 05:08

Der große Chaostage-Schwindel

2. August
Als ich ab 13.00 Uhr das ARD-Mittagsmagazin schaue, falle ich fast vom Stuhl! Die Idioten bringen tatsächlich einen Ausschnitt aus meinem Video! Das kann doch nicht wahr sein. Jetzt kriege ich doch plötzlich ein wenig Angst... Wenn die dermaßen auf einen solchen Schmonz reinfallen... Wie lange dauert es noch, bis Grün-Weiß vor der Tür steht? Die sind ja auch nicht gerade für ihren Humor bekannt... Im Laufe des Tages wird das Video noch des öfteren gezeigt, bei SAT.1, RTL, N24, Pro7. Laut www.chaos-tage.de bin ich auf dem Weg nach München, um dort vor Ort den "Einsatz des CROCODOMS" zu leiten. Ob das wirklich jemand glaubt? Christian Sturm vom Focus glaubt's und will sich mit mir treffen...

Aber Nagel blieb in Hamburg. Grün-Weiß erwies sich zum Glück als klüger, als er annahm. Der von ihm übers Netz angekündigte Einsatz einer Wunderwaffe namens CROCODOM entpuppte sich wenige Tage später als PR-Gag für ein von ihm entwickeltes und kostenlos vertriebenes Programm, mit dem man aktuelle Nachrichtenseiten im Internet zusammenstellen kann.
Von Chaostagen wie diesen aber hat Nagel endgültig genug. Er steigt aus, schaltet ab, geht offline - und wird, wenn dieser Text erschienen ist, auch seine Homepage aus dem Netz genommen haben. Er ist schließlich 41 und zu alt für diesen Unsinn. Die Chaostage hingegen werden uns vermutlich erhalten bleiben. Der Nachwuchs hat die Sache in die Hand genommen, im Netz existieren bereits diverse neue Chaostage-Seiten...

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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#13 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 05:09

Der große Chaostage-Schwindel

Presseschau Der Stern (25.5.2002)
"Punks rufen zu ›Chaostagen‹ gegen Stoiber in München auf - Aus Protest gegen den Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber (CSU) wollen sich Punks aus ganz Deutschland nach Erkenntnissen von Sicherheitsbehörden dieses Jahr in München zu so genannten Chaostagen versammeln."

Süddeutsche Zeitung (27.5.2002)
"Ein Demonstrationsverbot werde nichts nützen, heißt es unter Hinweis auf die Proteste gegen die Münchner Sicherheitskonferenz im Februar diesen Jahres. Der Landes-Verfassungsschutz und das Bayerische Innenministerium jedenfalls machen sich auf einen Höhepunkt in der Geschichte der Chaostage gefaßt."

Münchener Merkur (27.5.2002)
"Der Begriff Punk stammt aus dem Englischen und kann mit ›Mist‹, ›Schund‹ oder ›miserabel‹ übersetzt werden."

taz (28.5.2002)
"›München brennt‹, lautet eines der im Internet verbreiteten Mottos für die diesjährigen Chaostage. Am ersten Augustwochenende wollen Hunderte Punks nach München reisen, um dort ›Chaos zu verbreiten‹ und den bayerischen Ministerpräsidenten und Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber vorzuführen."

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Re: Der große Chaostage-Schwindel

#14 Beitragvon Knox » 29. September 2004, 05:10

Der große Chaostage-Schwindel

Die Welt (2.5.2002)
"Vielleicht liegt es an meiner Humorlosigkeit: Ich bin dafür, daß diese Bewegung unverstandener Psychotiker nicht in die Stadt gelassen wird."
Peter Gauweiler in "Gauweilers Briefe"

Die Welt (06.04.2002)
"Chaostage: Punks rüsten zum ›Marsch auf München‹"

Augsburger Allgemeine (12.6.2002)
"Chaoten bei uns an der falschen Adresse"

ARD (2.8.): "Gewarnt ist die Polizei durch zahlreiche Ankündigungen im Internet."

RTL (3.8.): "Drohungen einzelner Fanatiker, München in einen Haufen aus Asche und Staub zu verwandeln, werden durchaus ernstgenommen."

SAT.1 (3.8.): "... denn die Drohungen aus dem Internet lassen das Schlimmste befürchten. Der sogenannte ›Meister des Chaos‹ und die geschmacklose Ankündigung, die Stadt in Angst und Schrecken zu versetzen. Die Polizei nimmt die Drohungen ernst."

ZDF (3.8.): "Nach Krawallaufrufen im Internet erwarten die Sicherheitsbehörden allerdings bis zu 5000 Chaoten an diesem Wochenende in München."

N24 (3.8.): "...denn der Aufruf im Internet läßt Schlimmstes vermuten, und die Behörden nehmen ihn ernst."

Ernst Corinth

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