Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

Fröhliches Feiern
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Alex Alzheimer
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Re: Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#16 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 01:06

"Neue Presse" 5.7.83
Sorge der Geschäftsleute - Gestern neue Ausschreitungen
Ruinieren Krawalle den Ruf Hannovers als Einkauf-stadt?


VON KLAUS GEMBOLIS

HANNOVER. Machen Krawalle wie die von Punkern am Wochen-ende Hannovers Ruf als Einkaufsstadt kaputt? Diese Sorge zumindest äußerte gestern die Werbegemeinschaft "Einkaufsstadt Hannover" - an einem Tag, als es in der Passerelle zu neuen Unruhen kam.

Zwischen 16 und 18 Uhr überprüfte die Polizei insgesamt 40 Jugendliche und Stadtstreicher. Passanten hatten die Beamten alarmiert: Sie waren angerem-pelt und belästigt, Scheiben waren eingeworfen worden.

Ergebnis des Einsatzes: Drei Festnahmen, zwei Volltrunkene kamen ins Kran-kenhaus.
Insgesamt wurden in den vergangenen Tagen 235 Strafanzeigen gestellt. Hauptvorwurf: Landfriedensbruch. Allerdings: 195 am Wochenende festgenomme-ne Personen kamen gestern wieder auf freien Fuß.

Die Sorgen vieler Kaufleute in der Innenstadt machte Gerhard Magis, Vorsit-zender der Werbegemeinschaft "Einkaufsstadt Hannover" in einem offenen Brief an Stadtverwaltung und Kommunalpolitiker deutlich: "Festzustellen ist, falls nicht entschiedene Maßnahmen getroffen werden, daß Hannover auch in Zukunft mit chaotischen Zuständen wie am Wochenende zu rechnen hat." Be-fürchtung des Geschäftsmannes: Dem Ruf Hannovers als "aufsuchenswerte Lan-desmetropole" wird nachhaltiger Schaden zugefügt.

Reaktionen auch bei den Politikern: Josef Stock, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion: "Unerträglich, mit ansehen zu müssen, wenn Frauen und Männer nach einer Woche harter Arbeit bei ihren Wochenendeinkäufen von den Randalierern auf offener Straße angegriffen werden."

Und auch OB Herbert Schmalstieg (SPD) bezeichnet es als "unerträglich, wenn Bürger dieser Stadt in ihren Freiheitsrechten beeinträchtigt und bedroht" werden.

Den Einsatz der Polizei bewerten beide als "gut und besonnen".

Polizeisprecher Manfred Bodemann erklärte, daß die sogenannte Punker-Kartei, gegen die es bereits früher zu Protesten gekommen war und die unter anderem Abgeordnete von SPD und Grünen im Landtag heftig kritisiert hatten, nach wie vor besteht. Bodemann: "Bis Ende des Jahres soll geprüft und ent-schieden werden, ob die Auflistung straffällig gewordener Punker beibehal-ten werde oder nicht."

Die Frage, ob sie am Wochenende "angereichert" worden sei, beantwortete er nicht.
"Tot sein ist schöner als wie ohne Geld"

- HANS-JÜRGEN RÖSNER

Alex Alzheimer
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Re: Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#17 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 01:08

"Wochenblatt" 7.7.83
Meine Nacht mit Punks und Skins
Wochenblatt-Mitarbeiter wagte sich in das Chaos von Hannover


Straßenschlachten in Hannovers Innenstadt. Das angekündigte "Friedensfest" der verfeindeten Gruppen von Punks und Skinheads schlug ins Gegenteil um: Bürgerkriegsähnliche Situationen, offener, brutaler "Schlagabtausch" zwi-schen Punks, Skins und Polizei. Die Bilanz: 195 Festnahmen und riesiger Sachschaden. Ein Wochenblatt-Mitarbeiter wagte es, sich unter die Punks zu mischen. Hier sein Bericht.

Ich gehe am späten Freitagnachmittag mit einem unguten Gefühl in der Magen-gegend zum Hauptbahnhof, um über das "Friedensfest der Punks und Skinhead-Gruppen" weiterzuberichten. In der Nacht zuvor hatte ich ja schon bei Ge-sprächen mit Punks und Skinheads erfahren, daß es zu keinerlei Verbrüderung kommen sollte.

Wer für dieses Zusammentreffen der einzelnen Gruppen verantwortlich war, ist nicht nachvollziehbar. Es wird wohl Mundpropaganda gewesen sein.

Gegen 16.30 Uhr bin ich am Bahnhof, man sieht die Menschenmenge schon von weitem. Rund ums Ernst-August-Denkmal haben sich Hunderte von Punks und Skinheads zusammengerottet, wollen die Verbrüderung, wie sie sagen, "ge-meinsam gegen Bullen und Bonzen", aber dazu kommt es nicht.

An den Balustraden der Passerelle stehen Hunderte von Schaulustigen, für sie ist es wie der Reiz der Exotik, wenn sie Punks und Skins betrachten. Sie sagen laut, was sie denken und tun würden mit denen, die ihre "ach so heile Welt" stören; sie schimpfen auf die ihrer Meinung nach untätig herum-stehende Polizei, aber tauschen wollen sie mit ihnen auch nicht.

Die Stimmung wird dadurch um so gereizter, der Spruch der Punker und Skins dröhnt jedem in den Ohren: "Deutsche Polizisten, Mörder und Faschisten" so hallt es immer wieder.

Steine und Flaschen fliegen, nicht nur auf die Polizei, nein auch die Pas-santen, die sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollten, werden mit Wurfgeschossen bombardiert. Zivilfahnder und uniformierte Polizei greifen ein, einige von den Punks und Skins werden festgenommen, der Rest der Chao-ten rennt grölend die Bahnhofstreppen hoch.

Gemeinsam, die einzige Art der Verbrüderung, die ich feststellen konnte an den vier Tagen, ist wie überall die gemeinsame Flucht vor der Polizei.

Dann später der Sturm auf die Straßenbahn, 100 Punks stürmen die Linie 6 am Hauptbahnhof. Fahrgäste fliehen. Die Bahn ist übervoll mit Punks und ver-einzelten Skins. Uniformierte Polizei und Zivilfahnder fahren mit.

Ziel ist das Unabhängige Jugendzentrum in der Kornstraße wo am Abend zuvor ein Konzert stattfand. Ich fahre mit dem eigenen Auto Richtung Jugendzen-trum, lasse es in sicherer Entfernung stehen, da ich aus Erfahrung weiß, wie schnell so ein Auto von ihnen demoliert wird.

In der Kornstraße kommt es zu einer wahren Straßenschlacht, Punks und Skins gegeneinander - man glaubt, man sei im Bürgerkrieg -, aber dann gemeinsame Front gegen die Polizei. Steine, Flaschen, ja, sogar Molotow-Cocktails fliegen, ein Auto brennt, der Sachschaden ist groß.

Erstmals, für mich erstaunlich, setzen die Chaoten Tränengas gegen die Po-lizei ein. Die Straßenschlacht dauert bis tief in die Nacht. Entgegen mei-nen Vorstellungen verzichte ich, in das Jugendzentrum zu gehen und Punks und Skins zu fragen, warum man die Problematik, die sie bewegt, nicht auf anderen Wegen hätte lösen können. Ich denke in diesem Moment daran, daß ich auch Familie habe, daß dies hier offener Krieg ist, ein Krieg, der mit solch einer Brutalität geführt wird, wie ich es in Hamburg oder Berlin noch nicht erlebt hatte.

Ich fahre zurück zum Hauptbahnhof. In der Halle halten sich vereinzelte Gruppen von Punks und Skins auf, jede für sich nach dem Motto "Tust du mir nichts, tu ich dir auch nichts".

Die Bahnpolizei ist mit Hundeführern präsent. Ich gehe in die Passerelle. Dort unten treffe ich auch eine Gruppe der Punks wieder, die mich schon am Vortag gefragt hatte, was ich denn überhaupt hier machen würde, ob ich denn auch "schön" fotografieren würde, ob die Bilder vielleicht zur Ergänzung der sogenannten Punkerkartei dienen sollten. Ich verneinte und frage zu-rück, was sie, die sie ja für drei Tage im Mittelpunkt stehen würden, unter "schön fotografieren" verstanden.

Klaus (Banklehrling in Hamburg und Wochenendpunker) antwortet mir spontan: "Na wie wir die Leute anmachen Steine schmeißen und Schaufenster plündern würden, wie wir den Zivi (Zivilfahnder) vorhin fertiggemacht haben." Ja, auch das würde ich fotografieren, wenn sich die Gelegenheit für mich bie-tet: Ich will festhalten, was ich sehe.

Dann, bevor wir im Gespräch fortfahren können, kommt eine Gruppe Punks auf uns zu: "Haste Bier oder 'ne Kippe, wenn nich', wenigstens 'nen Heiermann - sonst gibt's wat auf die Nuß! - Ach, von de Presse biste, mach mal ein Foto von uns."

Ich gebe ihnen drei Zigaretten, Geld und Alkohol bekommen sie nicht, aber sie ziehen weiter, und so kann ich mein Gespräch mit Klaus und einigen an-deren aus der Gruppe, die durch die Randale der Berliner Punks wachgeworden waren, fortsetzen.

Birgit (auch Banklehrling und Wochenendpunkerin wie der größte Teil der Gruppe aus Hamburg) meint auf meine Frage der Verständigung mit den Skins: "Es ist doch Utopie. Einige glauben, daß man das rechtsradikale Auftreten und die Brutalität der Neonazis unter ihnen auffangen und auf diese Art und Weise versuchen könne das Bild, das sie in der Öffentlichkeit jetzt dar-stellen, zu verbessern. Aber das wird nicht möglich sein, solange wir selbst nicht in der Lage sind, mit einem nüchternen, klaren Kopf zu verste-hen, was wir eigentlich wollen. Und aus diesem Grunde wird es niemals zur großen Bruderschaft mit den Skinheads kommen."

Und weiter: "Morgen gibt es eine wahre Schlacht mit den Skins und Bullen-schweinen."

Ich verlasse die Gruppe, es ist mittlerweile drei Uhr morgens gehe durch die Passerelle und habe mit den noch wachen oder schon wieder wachen Punks und Skins keine nennenswerten Schwierigkeiten.

Draußen auf der Bahnhofstreppe und in der Passerelle selbst sind Reini-gungstrupps bei der Arbeit. Ein nutzloses Unterfangen. Andere beschäftigen sich damit, Pflastersteine vor dem Ernst-August-Denkmal (herausgerissen von Punks oder Skins, ich weiß es nicht) wieder an ihrem alten Platz zu befestigen. eh
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- HANS-JÜRGEN RÖSNER

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#18 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 01:09

"Hannoversche Allgemeine Zeitung" 19.12.83
Polizei nahm mehr als hundert Punks fest
Belästigungen auf dem Weihnachtsmarkt / Zu Ausschrei-tungen wie im Juli kam es nicht


Bei einem Treffen von Punks und Skinheads ist es am langen Sonnabend in der Innenstadt nur vereinzelt zu Zwischenfällen gekommen. Die Polizei, die un-ter anderem durch Flugblätter von der am Kröpcke geplanten Zusammenkunft erfahren hatte, wollte von vornherein Ausschreitungen verhindern. Sie nahm 108 junge Leute vorübergehend fest. Gegen 13 erstattete sie Anzeige. Wie die Polizei am Sonntag weiter mitteilte, waren rund 200 Beamte im Einsatz. Ebenso viele Punks und Skins haben sich in der Innenstadt aufgehalten. Bei ihnen wurden zum Teil waffenähnliche Gegenstände gefunden.

Anfang Juli, zum Schützenfest, war es in der Innenstadt an einem langen Sonnabend zu schweren Ausschreitungen gekommen. Damals wurden mehrere Beam-te und Punks verletzt, an rund 50 Gebäuden gingen Fensterscheiben zu Bruch. Die Straftaten wurden überwiegend von auswärtigen Jugendlichen begangen.

Zahlreiche Geschäftsleute hatten anschließend bemängelt, daß die Polizei ihrer Ansicht nach nicht rechtzeitig eingeschritten war. Diesmal bildeten die Beamten sofort einen Kreis um Gruppen von bunthaarigen Punks oder kahl-köpfigen Skins, um eine Wiederholung der schweren Krawalle vom Juli zu ver-hindern. Am Kröpcke fuhr ein Polizeibus nach dem anderen vor, um die jungen Leute zum Präsidium zu bringen. Nach Auskunft der Polizei wurden sie nach Geschäftsschluß gegen 18 Uhr wieder freigelassen.

"Wir haben sie nach dem niedersächsischen Sicherheits- und Ordnungsgesetz in Gewahrsam genommen, da wir Hinweise auf Ausschreitungen hatten", erläu-terte ein Polizeisprecher. Er erklärte, die jungen Leute hätten zuvor Pas-santen belästigt, Bierflaschen zerbrochen und mit Dosen geworfen, in Kauf-häuser gepinkelt und auch übelriechende Buttersäure in Geschäften ver-sprüht. Ein großer Teil der Punks und Skins sei betrunken gewesen, obwohl die Beamten aus vielen sichergestellten Flaschen den Alkohol ausgegossen hätten.

Nach Auskunft der Polizei haben sich gegen Mittag rund 85 Punks und Skins am Weihnachtsmarkt zusammengefunden und Besucher und Verkäufer mit Tränen-gas aus der Sprühdose belästigt. "In der Innenstadt war von Zwischenfällen wenig zu merken, weil wir schon im Vorfeld reagiert haben", erläuterte der Polizeisprecher. Passanten hatten jedoch im dichten Einkaufstrubel in der Fußgängerzone Mühe, sich an Einsatzfahrzeugen und Polizeiketten vorbeizu-drängen. Sie sahen mehr Beamte als Punks.

Unter dem naßkalten Wetter litten alle Beteiligten: Beamte in Zivil hatten es leichter als ihre uniformierten Kollegen und die von Ordnungshütern be-wachten Punks: Sie konnten sich in ihrem stundenlangen Einsatz hin und wie-der in die Eingangshallen der Kaufhäuser zurückziehen, um sich ein wenig aufzuwärmen. khk/joe
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