Gilbert Furian „Auch im Osten trägt man Westen“

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Knox
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Gilbert Furian „Auch im Osten trägt man Westen“

#1 Beitragvon Knox » 20. März 2004, 03:18

Alternative Art mit Berichten zur Lage im Blätter- und Musikwald



Gilbert Furian „Auch im Osten trägt man Westen“

„Wenn man geboren wird, hat man schon die Planstelle weg“, beklagt Lade 1982. „Wir
haben einfach too much future“. Er, 18 Jahre alt, war Mitglied der Ost-Berliner Punk-
Band Planlos. Ende der 70er Jahre schwappt die Punk-Welle von Großbritannien über
Westdeutschland in die DDR über. Der Staat erkennt darin mehr als eine Jugendkultur.
Er nimmt die Punks als potentielle Feinde von Anfang an ernst. Jugendliche, die über
die Musik in die Szene kamen, werden politisiert, kriminalisiert. Doch bleibt Punk
offiziell tabu, denn die Bewegung gilt als Folge der „imperialistischen Ausbeutung“, die
Jugendlichen sämtliche Perspektiven nimmt. Somit sind die Jungs und Mädchen mit den
bunten Haaren und den Lederjacken ein Paradoxon, das es einfach nicht geben darf.
Ein Phänomen, das in der medialen Öffentlichkeit nicht vorkommt. Der Autor Gilbert
Furian gibt 1984 in Eigenverantwortung eine kopierte Broschüre heraus, die die
Gespräche enthält, die er während der letzten zwei Jahren mit Punks geführt hat. Furian
ahnt nicht, dass er sich längst im Visier der Staatssicherheit befindet. Aufgrund seiner
Veröffentlichung wird er wegen „öffentlicher Herabwürdigung“ (§ 220)
und „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ (§219) zu zwei Jahren und zwei Monaten
Haft verurteilt.
1999 nimmt Furian wieder Kontakt zu seinen damaligen Interviewpartnern auf und führt
erneut Gespräche. Was ist aus den Ost-Punks der ersten Generation geworden und wie
stehen sie heute zu ihrer Vergangenheit? Bernd-Michael Lade ist mittlerweile
erfolgreicher „Tatort“-Schauspieler. Andere arbeiten als Radio-Redakteure,
Theaterdramaturgen oder Physiotherapeuten. Punk war für die meisten eine prägende
Phase, die nicht spurlos an ihren Protagonisten vorbei gegangen ist. Punk steht noch
immer für das In-Frage-Stellen scheinbar unumstößlicher Tatsachen, für
Individualismus statt Egoismus. Über too much future beschwert sich keiner mehr,
denn „Es ist kalt geworden in Deutschland“, resümiert Bernd-Michael Lade. „Man muss
zusammenhalten.“

Archiv der Jugendkulturen, ISBN 1439-4316, 15 €
Bild
Rechtsextreme mit Waffenerlaubnis
Fast 2.000 Reichsbürger und Rechtsextreme verfügen aktuell über die Erlaubnis, scharfe Waffen zu besitzen. Rechtsextremen wird die Erlaubnis seltener entzogen.

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