JUGENDKULTUR: Kleine Fluchten

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Knox
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JUGENDKULTUR: Kleine Fluchten

#1 Beitragvon Knox » 5. August 2009, 13:28

Hartmut Haack und Rudolph Randolph gerieten als DDR-Punks ins Visier der Stasi

Schuhcreme. Das war er, der Duft der großen Freiheit. Um anders zu sein als die anderen, aufzufallen und hervorzustechen aus der angepassten Masse, war Hartmut Haack fast jedes Mittel recht. Auch Schuhcreme für die Haare.

Er war 16 damals. Traf sich mit Freunden auf der Müllkippe in Wuthenow. „Da standen immer ein paar alte Sofas rum“, erzählt er. „Und wir haben da so rumgehockt, Partys gemacht.“ Zwischen Schrott und alten Möbeln fassten Hartmut Haack und sein Kumpel Rudolph Randolph einen Entschluss, der ihr Leben veränderte. Sie wurden Punks. 1979 in der DDR.

Mit den Haaren fing es an. Seifenwasser sorgte für Stand, Schuhcreme oder Tusche für immer neue Farben. Die Palette der Friseure war begrenzt, bei bestimmten Frisuren winkten die Salons ohnehin ab. Risse in der Hose? Nichts leichter als das. Und dann tingelten Haack und Randolph durch die Stadt, genossen die Blicke, freuten sich insgeheim über jedes Stirnrunzeln und jedes Kopfschütteln. Endlich anders. Endlich frei. „Das war eine tolle Zeit“, sagt Rudolph Randolph.

Die Freunde von damals sind Freunde geblieben. Beide sind 45, haben am selben Tag Geburtstag und ihn oft zusammen gefeiert. Wie sie da sitzen in ihren Heavy-Metal-Shirts und in alten Fotoalben blättern, wirken sie unzertrennlich. Das „Rumpunkern“ hat zusammengeschweißt.

Als bunt gefärbtes Duo gerieten Haack und Randolph ins Visier der Stasi. Über Jahre wurden sie auf Schritt und Tritt verfolgt, immer wieder verbot man ihnen, die Stadt zu verlassen. Als Fußballfans reisten die Neuruppiner gern in Grüppchen durch die Lande, nach Berlin oder Erfurt, durch die halbe Republik. Wenn die Stasi ihnen nicht zuvorkam und sie am Neuruppiner Bahnhof stoppte. „Und das ist oft passiert“, sagt Hartmut Haack. „Wir hatten echt viel Ärger mit den Jungs.“

Er erzählt das versöhnlich, als habe er verziehen. „Ich will die DDR auf keinen Fall zurück“, stellt er klar. „Aber unsere Zeit will ich nicht missen.“ Nur manchmal packe ihn noch das kalte Grausen, wenn er an früher denkt, sagt Hartmut Haack. „Viele, die uns damals bespitzelt haben, sitzen heute noch auf sicheren Posten. Und manche blockieren immernoch, wo sie können.“

Dass er „diese Leute“ damals manchmal austricksen konnte, macht den Neuruppiner bis heute froh. „Manchmal haben wir uns hinten im Auto versteckt, uns zum Bahnhof nach Oranienburg fahren lassen und sind da erst in den Zug gestiegen“, erzählt Haack und grinst. „Da waren die dann einfach nicht schnell genug.“ Oft seien sie so davon gekommen. „Ab und zu mal raus – mehr konnte man ja nicht machen in der DDR“, sagt Rudolph Randolph.

Ganz weg wollten beide nie. „Wir hatten zwar nicht viel, aber schlecht ging’s uns auch nicht““, sagt Hartmut Haack. Die Fußballtouren waren kleine Fluchten, Songs an der Schwelle zum Verbotenen wurden ihre größten. Texte, deren Botschaft zwischen den Zeilen stand, treibende Rhythmen, schräge Akkorde – bis tief in die Nacht dröhnte es in Hinterzimmern aus den Boxen und die Freunde pfiffen bei einem Bierchen aufs System. Randolph trommelte fünf Jahre in der Ostband „Fluchtweg“.

Als das Volk 1989 aufbrach, waren Haack und Randolph keine Punks mehr. Ewig anzuecken – auf die Dauer war das dann doch nicht ihr Ding. Auch ihr Musikgeschmack hatte sich geändert. Am Tag nach dem Mauerfall kaufte sich Hartmut Haack als erstes eine Platte der Heavy-Metal-Combo „Running Wild“. Rudolph Randolf kann sich noch an sein erstes Essen im Westen erinnern. In einem alternativen Berliner Jugendtreff zahlte er für ein halbes, belegtes Brötchen 50 Cent.

Aus den wilden Jungs sind gestandene Männer geworden. Rudolph Randolph arbeitet bei Gasitech in Walsleben. Er ist ledig geblieben. Hartmut Haack jobbt im Neuruppiner Café Hinterhof. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder – beide so alt, wie Papa damals war. Damals als Punk. (Von Juliane Becker)

Ostrock-Revival
20 Jahre nach der Wende planen die Freunde für Oktober ein Festival unter dem Titel „Ostrock im Widerstand“. Dazu erwarten sie unter anderem die Band „Fluchtweg“, in der Rudolph Randolph fünf Jahre lang am Schlagzeug saß.

Am 16. Oktober wird im Café Hinterhof an der Rudolf-Breitscheid-Straße ab 20 Uhr ein Film zum Thema gezeigt.

Am 17. Oktober sollen ab 19 Uhr möglichst viele regionale Bands Songs von damals spielen. Wer dabei sein will, kann sich anmelden unter 03391/32 56, per E-Mail an cafehinterhof @gmx.de oder direkt im Café.
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