Punkband Gallows

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Knox
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Punkband Gallows

#1 Beitragvon Knox » 4. Mai 2009, 14:45

Nicht Radio-tauglich
Es war einmal, da bestieg eine kunstvoll verrottete Rockband einen Ausflugsdampfer auf der Themse, spielte "God Save The Queen" und aus einer Mode namens Punk wurde ein kulturelles Phänomen. 32 Jahre später gibt es Punk immer noch, die Ironie der Sex Pistols aber ist einer unverblümten Klarheit gewichen. Wenn Frank Carter erstmals seine Stimme erhebt auf "Grey Britain", dem neuen Album von Gallows, dann bellt, spuckt, schreit er: "The Queen is dead and so is the crown!"

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Von links: Frank Carter, Steph Carter, Laurent "Lags" Barnard, Lee Barratt und Stuart Gili-Ross von Gallows.

Auch ansonsten erinnert die Karriere der der momentan bekanntesten Punkband Englands an den "Great Rock'n'Roll Swindle", der den Pistols dereinst unter der Regie ihres Managers Malcolm McLaren gelang. Drei Jahrzehnte danach, in jenem, nicht allzu heißen Sommer des Jahres 2007, galten Gallows als die wildeste, durchgeknallteste und härteste Band, die das Königreich ihrer Majestät zu bieten hatte.
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Ihre Auftritte wurden Legende: Ein Chaos aus Leibern und Extremitäten, Sprüngen und Posen, geballten Fäusten und fliegenden Instrumenten. Die verheerenden Attacken aus unversöhnlichem, mit nur wenigen Rock-Klischees abgedämpften Hardcore-Punk dauerten selten länger als 40 Minuten. Zugaben gab es keine.

Nur manchmal fanden die Auftritte eine Fortsetzung in der Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses, wenn Platzwunden versorgt werden mussten, wenn Zähne am Gitarrenhals ausgeschlagen wurden oder Sänger Frank Carter, kaum 1,70 Meter groß, blass und rothaarig, mal wieder Übergriffe aus dem Publikum provoziert hatte.

Kurz, schnell und mitunter schmerzvoll, das sind bis heute die Konzerte von Gallows, "ein verfickter Tsunami aus Hass", wie Bassist Stuart Gili-Ross sie nennt, voller Blut, Schweiß und anderen Körperflüssigkeiten. Musik geht so und nicht anders, immer volle Kanne, "immer 110 Prozent", sagt Gili-Ross.

Es war diese Kompromisslosigkeit und die brutale Brillanz ihres Debütalbums "Orchestra of Wolves", Carters von schmerzender Dringlichkeit geprägtes Geschrei, mit dem das Quintett aus Watford im Hype-versessenen Großbritannien zum nächsten heißen Ding wurde. Und ein geradezu frenetisches Wettbieten aller großen Plattenfirmen auslöste, bevor die Band bei einem international operierenden Unterhaltungskonzern unterschrieb für die erstaunliche Summe von exakt einer Million Pfund.

Eine Million Pfund? Eine utopische Gage für jede Nachwuchsband. Ein geradezu hirnrissiger Preis in diesen Zeiten, da die Musikindustrie am Stock geht. Und erst recht eine wahnwitzige Summe für eine Band, deren kommerzielle Massentauglichkeit allgemein als so gut wie nicht vorhanden eingeschätzt wird. Selbst die Band hält die außerordentliche Honorierung ihres Schaffens, so Carter, für "einen Witz". Doch der Preis stieg immer weiter, berichtet Stuart Gili-Ross, auch weil "jedes dieser Label den anderen beweisen wollte, dass es die dicksten Eier hat und sich so eine Band wie uns leisten kann".

Nun haben Gallows das Gefühl, das System ausgetrickst zu haben. "Volle Kontrolle" ist das Zauberwort: Sound, Artwork, Image, alles bleibt in ihren Händen. "Wir haben uns nicht verkauft", versicherte Sänger Frank Carter kurz nach der Unterschrift, "wir haben viel Geld bekommen, um einer großen Plattenfirma zu erlauben, die härteste, kompromissloseste und unkommerziellste Musik, die in diesem Lande seit langer Zeit gemacht wurde, zu vertreiben. Wir haben gewonnen, wir haben sie alle gefickt."

Die Band allerdings ist seit dem lukrativen Deal bei den traditionell snobistischen Hardcore-Fans nicht mehr gut gelitten, obwohl sich der Sound von Gallows weiterhin eindeutig an solchen radikalen amerikanischen Anti-Helden wie Minor Threat oder Black Flag orientiert, und obwohl ihre Songs nicht nur musikalisch sondern auch inhaltlich eine Antithese zu Radiotauglichkeit und Eingängigkeit sind: Statt über Liebe zu singen, schreit Frank Carter, der als Straight-Edge-Anhänger Alkohol und Nikotin ablehnt, auch auf "Grey Britain" wieder vom hoffnungslosen Alltag in britischen Kleinstädten, von Gewalt und Armut, Drogen und Diäten, Alpträumen und Ängsten.

Musikalisch allerdings haben sich Gallows mit diesem zweiten Album deutlich verändert. In der Hardcore-Szene wird zweifellos die befürchtete Kommerzialisierung diagnostiziert werden, in wohlwollenderen Kreisen dagegen darf man eine Weiterentwicklung konstatieren. Aus einer ständigen Hörsturzdrohung wurde eine Band, die sparsamer mit den Extremen umgeht, um diese umso effektvoller einsetzen zu können. So finden sich nun akustische Gitarren und ein Klavier auf "Grey Britain", ja sogar Streicher. Und mit "The Vulture" beginnt ein Song sogar als Ballade, bevor er zu einem böse grummelnden Stück Schwermetall mutiert. Selbst Frank Carter bemüht sich hin und wieder um etwas, das man tatsächlich als Gesang bezeichnen könnte.

Diese Ausdifferenzierung war allerdings nicht nur künstlerische Erfordernis, sondern auch eine physische Notwendigkeit: Schließlich hat Carter vor einiger Zeit einmal verkündet, dass seine Band kaum älter als fünf Jahre werden würde. Tatsächlich erinnert die Methode Gallows an Hochleistungssport: Der Körper wird im Dienste der Musik an die Grenzen seiner Belastbarkeit getrieben. Nach ihren eigenen Berechnungen läuft die Halbwertszeit der härtesten Band mit einem Millionenvertrag also 2010 ab. Noch ein Jahr Zeit, die aktuelle Inszenierung des großen Rock'n'Roll-Schwindels zu besuchen.
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