Der Strassen-Punk kämpft um seine Ikone

dadaismus, aktionismus... wat auch immer. $+$+$+$+$
Nachricht
Autor
Benutzeravatar
Knox
Beiträge: 63146
Alter: 61
Registriert: 20. April 2003, 22:26
Wohnort: Bierdosenland

Der Strassen-Punk kämpft um seine Ikone

#1 Beitragvon Knox » 17. März 2009, 14:46

Shepard Fairey machte seine Anfänge als Künstler mit Aufkleber-Aktionen und Guerilla-Marketing. Mit seinem «Hope»-Plakat von Barack Obama wurde er ein Kunst-Star. Dennoch wird der Punk-Fan oft verhaftet - und nun von einer Nachrichtenagentur für sein ikonisches Werk verklagt.

Bild
Shepard Fairey vor seinem «Hope»-Poster von Barack Obama. Der Strassenkünstler hat damit ein Werk geschaffen, dass innert kürzester Zeit...

Bild
... als ikonisch bezeichnet wurde. Hier eine Variation in der «Manifest Hope Gallery» in Denver. Nun sieht sich der Amerikaner einer Klage der Nachrichtenagentur AP gegenüber, die Geld von ihm will, weil sein Werk auf...

Bild
... dieses Bild des Fotografen Mannie Garcioa fusst. Der selbst sagte den «Photo District News», er wolle weder Streit mit Fairey, noch mit AP. «Meiner Ansicht nach ist es ziemlich cool. Ich bin stolz auf das Foto. ...

Bild
... Es ist grossartig, was für einen Effekt es hatte.» Er habe in 2006 nur sechs Wochen für AP gearbeitet und sei kein Angestellter gewesen. Inzwischen kaufte das «Museum of Fine Arts» in Houston auch eines seiner Bilder.

Bild
20 Jahre nachdem Fairey seine «Obey Giant»-Kampagne startete, ist die Werksausgabe «SUPPLY & DEMAND. The Art of Shepard Fairey» neuaufgelegt worden. Die Monographie ist bei «Ginko Press» ( http://www.gingkopress.com/ ) erschienen...

Bild
und 446 Seiten stark. Das ältere Obey Bild «AK-47 Left» und «AK-47 Right» besteht aus zwei symmetrischen Postern. Früher konnte Fairey nur dieses Format per Hand drucken, weshalb er...

Bild
... die beiden Bilder von 1998 zusammensetzte. Hier das Stück «Obey Vicious Subversion» von 2001.

Bild
Fairey Werk «Toxic Dept» von 2007.

Bild
Shepard Fairey vor seiner Installation «Angela Davis» in der «Whitewalls Gallery» anno 2006.

«Unser Titelportrait ist von dem Strassenkünstler Shepard Fairey, dessen Wurzeln in der Welt des Skateboarding liegen und dessen Poster des damaligen Senators Obama eines der populärsten Bilder seiner Kampagne wurde», hiess es im Vorwort des US-Magazins «Time» Mitte Dezember 2008. Doch Herausgeber Rick Stengel wusste auch, dass das Werk noch mehr bedeutete: ein «neues ikonisches Bild der Präsidentenwahl».

Guerilla-Marketing und Punk-Feste

Wer ist dieser Mann, der sich innert so kurzer Zeit weltweit einen Namen gemacht hat? Er macht nicht nur Kunst mit Bildern, Postern und Aufklebern. Er hat neben einer Modelinie auch Skateboards entworfen. Für Bands wie Led Zeppelin und den Black Eyed Peas gestaltete er die Alben, für «Walk The Line» erschuf er das Filmposter, für eine Neuauflage von Orwells «1984» den Umschlag. Als Punk-Fan organisierte er in einem Club in Los Angeles eine Wiedervereinigung von Jane’s Addiction und legte dabei als DJ Musik von The Clash und The Kinks auf.

Nach dem Abschluss der «Rhode Island School of Design» 1992 gründete der heute 39-Jährige ein Designstudio und spezialisierte sich auf Guerilla-Marketing. Auf anarchistische Weise verbreitete er später auch weiterhin seine Kunst, was ihn immer wieder in Konflikte mit dem Gesetz brachte. Im August 2008, nur vier Monate bevor «Time» sein Bild abdruckte, traf er in Denver auf die Staatsmacht, wo Obama zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten ernannt werden sollte.

«Es war meine 14. Verhaftung»

Fairey machte, was er immer tat: Mit seinen Helfern klebte er gerade eine Seitenstrasse unter anderem mit den «Hope»-Postern zu, als Bereitschaftspolizei in voller Ausrüstung auftauchte. «Ich denke, wir waren zu nahe an der heissen Zone Downtown», sagte der Vater zweier Töchter dem britischen «Guardian». Die Künstler wurden mit gezogener Waffe verhaftet und eine Nacht lang gemeinsam mit Anarchisten eingesperrt. «Es war meine 14. Verhaftung», erklärte er gegenüber dem US-Magazin «GQ», das ihn wie «Time» im Dezember 2008 zum Mann des Jahres wählte.

Obama selbst traf Fairey im «April oder Mai» beim Sammeln von Wahlspenden. Er drückte dem Kandidaten einen seiner Aufkleber in die Hand. «Er trat einen Schritt zurück und sagte `Wow, ich liebe das Bild´ und `Wie konnten Sie es so schnell verbreiten?´. Ich glaube, er war beeindruckt», erinnert sich Fairey im Interview mit «Smithsonian». Dort sagt er auch von sich selbst, er sei ein Populist. «Propaganda hat eine negative Konnotation, die es teilweise auch verdient, aber ich glaube, es gibt Propaganda, die sehr positiv ist. Ich merke, dass wenn du etwas tun kannst, dass die Aufmerksamkeit der Leute erregt, sie vielleicht rausgehen und mehr über diese Person herausfinden.»

«Die Poster von Toulouse-Lautrec sind auch Strassenkunst»

Anfangs druckte Fairey 700 «Hope»-Poster. 350 hängte er auf den Strassen auf, 350 verkaufte er für 45 Dollar. Mit den Einnahmen orderte er 10'000 weitere Poster, die er auch verschickte. Schnell übernahm auch Obamas Team das Plakat in sein Programm und verkaufte es, um den Wahlkampf zu bezahlen. Und nicht das renommierte «Time»-Magazin, sondern «5280» aus Denver und «Washington Life» hatten das schon berühmte Konterfei des 44. Präsidenten als Erste auf dem Titel. Später folgten dann weitere Hochglanzmagazine wie «Esquire».

Das Bild schlug in der US-Gesellschaft ein wie eine Bombe. Seit Januar 2009 hängt es in der Washingtoner «National Portrait Gallery». Strassenkünstler hängen hier eigentlich nicht, doch die Kuratorin Carolyn Kinder Carr war laut «Guardian» sofort von dem Werk begeistert: «Wir haben uns alle in das Bild verliebt. Wir haben immer Portraits gemocht, die einen bestimmten Moment in der Geschichte widerspiegeln und wir freuen uns über die Tatsache, dass es ein Bild ist, das aus der Populärkultur kommt. Die Poster von [Henri de] Toulouse-Lautrec sind tatsächlich auch Strassenkunst.»

AP will ein Stück vom Kuchen

Als dann auch noch das «Institute of Contempory Art» in Boston eine Ausstellung über Fairey organisiert hat, die noch bis zum 16. August 2009 läuft, schien aus dem Strassen- ein etablierter Künstler zu werden. «Seine Integration von Design, Populärkultur und Politik platzieren ihn im Strom künstlerischer und kultureller Kräfte, die unsere heutige Welt gestalten», sagte Museumsdirektorin Jill Medvedow. Doch sein Erfolg sollte nun auch einen Neider auf den Plan rufen.

Und der heisst «Associated Press» (AP) und ist eine der grössten Nachrichtenagenturen der Welt. Das Poster fusse auf einem AP-Bild und verletzte das Copyright: Das Unternehmen wolle eine Kompensation. Doch Fairey liess nicht mit sich reden und drehte den Spiess einfach um: Er verklagt AP. Deren Sprecher zeigte sich nach diesem Schachzug «enttäuscht»: Man sei doch schon so weit damit gewesen, sich friedlich zu einigen.

Am Ende wieder in Handschellen

Faireys Anwalt Anthony Falzone begründete den Schritt damit, dass das eigentliche Foto in ein «überwältigendes, abstrahiertes visuelles Bild» transformiert habe, das nicht nur eine neue Bedeutung, sondern völlig andere Botschaft habe. Warum AP dennoch klagt, erklärt sich ein Autor der «Huffinton Post» so: «Weil Jurys [in Gerichten] unberechenbar sind, weil das Gesetz zum Urheberschutz irritierend ist und die Verteidigung extrem teuer. Also ist es einem mächtigen Unternehmen wie AP nicht zwangsläufig wichtig, ob es gewinnt.»

Fairey hat guten Chancen, den Fall für sich zu entscheiden, hatte selbst aber dennoch wieder Ärger mit dem Gesetz. Auf dem Weg zu seiner Ausstellungseröffnung in Boston wurde er abermals von der Polizei verhaftet. Der Vorwurf: Im Rahmen vorherigen Strassenkampagnen habe er Graffiti gesprüht. Seinen Ruf als Strassenkünstler und Ausnahme-Talent dürfte das eher weitergebracht haben.


Shepard Fairey in der «Rachel Maddow Show» des US-Senders MSNBC am 13. März 2009. Quelle: YouTube
Bild
Suhrkamp und Insel raten von der Verslektüre ab. Sie kann zu Gehirnerweichung führen

Zurück zu „Kunst ====K-------“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast