Merz

Dada und der Rest
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Merz

#1 Beitragvon Guest » 9. Juni 2004, 01:03

Merz – das ist die zweite Silbe des gedruckten Wortes Commerzbank.

Kurt Schwitters fertigte bereits seit 1918 Collagen. 1919 entstand eine Arbeit aus Papieren, Holz und Drähten und Farben, in dem auf einem Zeitungsfragment die Silbe "MERZ" auftauchte, die dem Bild den Namen gab: “Sie können es verstehen, daß ich ein Bild mit dem Worte MERZ das MERZbild nannte, wie ich ein Bild mit »und« das und-Bild und ein Bild mit »Arbeiter« das Arbeiterbild nannte. Nun suchte ich, als ich zum ersten Male diese geklebten und genagelten Bilder [...] ausstellte, einen Sammelnamen für diese neue Gattung, da ich meine Bilder nicht einreihen konnte in alte Begriffe, wie Expressionismus, Kubismus, Futurismus oder sonstwie. Ich nannte nun all meine Bilder als Gattung nach dem charakteristischen Bilde MERZbilder.” (Kurt Schwitters. Merz 1927)

Aber MERZ - ein gefundenes Fragment, eingearbeitet in ein Bild – ist mehr als ein zufällig gefundener, klassifizierender Begriff. Es ist ein Vorgang, ein künstlerisches Tun und Verhalten, für das Schwitters das Wort MERZEN offensichtlich passend schien - vielleicht weil es eine ganze Bandbreite semantischer Assoziationen zuläßt, vom Aufbrechen erster Blüten im Frühjahr bis zum Beseitigen unliebsamer Sinngebungen.

Praktisch gesehen bedeutet der Vorgang des Merzens, Materialien verschiedenster Art zu sammeln, aus ihnen auszuwählen und sie zu einem Bild, einer Skulptur oder einem Text zusammenzufügen. Schwitters tat dies, wo er immer er stand und ging: mit offenen Augen und Ohren herumlaufen, Unbeachtetes aufheben, mitnehmen und Dinge, die bisher nichts miteinander zu tun hatten, zu etwas Neuem zusammenzubringen. “So habe ich zunächst Bilder aus dem Material konstruiert, das ich gerade bequem zur Hand hatte, wie Straßenbahnfahrscheine, Garderobemarken, Holzstückchen, Draht, Bindfaden, verbogene Räder, Seidenpapier, Blechdosen, Glassplitter usw. Diese Gegenstände werden, wie sie sind, oder auch verändert in das Bild eingefügt, je nachdem es das Bild verlangt. Sie verlieren durch Wertung gegeneinander ihren individuellen Charakter, ihr Eigengift, werden entmaterialisiert und sind Material für das Bild.” (Kurt Schwitters. Merz 1923)

Mit allen erdenklichen Materialien zu merzen, bedeutete Schwitters keineswegs der Beliebigkeit freien Lauf zu lassen. Zu merzen hieß im Gegenteil, sich strikten gestalterischen Prinzipien zu unterwerfen, die wesentlichen Qualitäten des verwendeten Materials zu erkennen und mit ihnen ein Kunstwerk zu formen.
Die Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten aber, die Schwitters für das Merzen formulierte, waren struktureller Art, so daß sie bei aller abstrakten Strenge auch Freiräume eröffneten.
Merz will Beziehungen schaffen “am liebsten zwischen allen Dingen der Welt” - das war das Ziel aller Merzkunst und das naheliegende Verfahren, dieses Ziel einzulösen, bot die Technik der Collage.
Merzen setzt Gewichte und stellt Balance zwischen den Dingen oder Materialien her, formt Rhythmen und läßt Formen wachsen. Merzen verwandelt den Sinn der Dinge, indem es sie erst zu Materialien degradiert, sie damit von ihren alten Bedeutungen befreit und dann in neue Zusammenhänge stellt. Merzen ist das Bekenntnis zu Vieldeutigkeit und Unfertigkeit und verlangt das konsequente immer-weiter-formen mit den gerade zur Verfügung stehenden Mitteln.

“Das Wort »Merz« hatte keine Bedeutung, als ich es formte. Jetzt hat es die Bedeutung, die ich ihm beigelegt habe. Die Bedeutung des Begriffs »Merz« ändert sich mit der Änderung der Erkenntnis derjenigen, die im Sinne des Begriffs weiterarbeiten.” (Kurt Schwitters. Merz 1920)
Auch Schwitters eigene Definitionen von Merz veränderten sich, und dies nicht gradlinig, sondern voller Paradoxe:
Merz ist die Nutzbarmachung aller erdenklichen Materialien für die Kunst. Merz ist abstrakte Kunst. Merz ist die Vereinigung von Kunst und Nichtkunst zum Merzgesamtweltbilde. Merz kultiviert den Unsinn. Merz ist Konsequenz. Merz ist, aus Scherben Neues zu bauen. Merz schafft Vorstudien zur kollektiven Weltgestaltung. Merz entgiftet. Merz will Befreiung von allen Fesseln. Merz rechnet mit Zufälligkeiten und unbekannten Größen. Merz will Gegensätze ausgleichen. Merz ist ein Standpunkt. Merz ist fröhliches Spiel. Merz ist eine Weltanschauung. Merz ist Kurt Schwitters.
Wenn es eine Entwicklung dessen gibt, was Merz ist, dann ist es die Ausweitung einer bedeutungslosen Bezeichnung eines Bildes auf die Utopie vom “MERZgesamtweltbilde”; und von einer Tätigkeit auf ihren Akteur - Merz erfaßt nicht nur jedes erdenkliche Material, sondern auch den, der den Dingen ihren eigenen Spielraum läßt: "So beherrscht Merz, was man nicht beherrschen kann. Und so ist Merz größer als Merz." (Kurt Schwitters. Merz 1923)

Guest

Re: Merz

#2 Beitragvon Guest » 9. Juni 2004, 01:05

Merzen - wie geht das?

Ich war Kurt Schwitters im Jahre 1919 begegnet. Wir trafen uns in Berlin im "Sturm". Als gegen sechs Uhr die Ausstellung geschlossen wurde, gingen wir schräg gegenüber in das Café Josty am Potsdamer Platz. Wir setzten uns an einen der runden Marmorplattentische, die auf geschwungenen Eisenfüßen ruhen, bestellten unseren Kaffee, und Schwitters fragte mich unvermittelt, ob ich mit ihm "merzen" wolle. Ich wußte nicht, was er meinte. Ich glaubte, mich verhört zu haben.
Er zog eine unbeschriebene Postkarte aus der Brusttasche und legte sie auf die Marmorplatte; aus einer anderen Brusttasche holte er Papierfetzen. Er fand einen grünen Straßenbahnfahrschein und zerriss ihn. Eines der Papierstücke, das mit Ziffern und Buchstaben bedruckt war, legte er auf die Postkarte. Dann forderte er mich auf, "weiterzumerzen" und bot mir seinen kleinen Müllhaufen auf der Marmorplatte zur Auswahl an.
Ich sah, wie heiter und verspielt dieser Mensch die Grenze der Vernunft überschritt. Ich glaubte, daß es gut wäre, mein Staunen zu verbergen. Unterdessen bemerkte Schwitters, daß er dieses Stückchen Fahrschein auch in die untere Hälfte der Karte hätte merzen können. Das künstlerische Ergebnis wäre anders als jetzt, da er das Papier in das Zentrum der Karte auf die Mittellinie gelegt habe.
Ich griff in meine Tasche und fand Streichhölzer; sie waren rot und hatten einen gelben Kopf. Ich sagte zu Schwitters: "Sehen Sie, ich könnte jetzt so merzen, daß ich das erste beste Streichholz in die obere Hälfte, in die linke Ecke lege. Aber - das werde ich nicht tun." Ich nahm ein Streichholz, zündete es an und ließ es zur Hälfte abbrennen. Es bestand nun aus rotem Holz, einem Streifen schwarzer Kohle und einem grauen Kopf aus Asche. "So - ich werde jetzt mit diesem Streichhoz merzen. Teils ist es ein Streichholz, teils war es ein Streichholz - aber mit der Vergangenheit läßt sich nicht merzen - wie mir scheint."
Darauf sagte Schwitters: "Ich werde in Ihrem Sinne weitermerzen." Er nahm mir die Zigarette aus dem Mund und streute Asche über die Postkarte. Wir hatten ausgemerzt.

Georg Muche

Guest

Re: Merz

#3 Beitragvon Guest » 9. Juni 2004, 01:08

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Irgendsowas Mz. 410. 1922

Collage, Papier, Feder auf Karton,
21,3 x 17,5 cm (Bild), 18,2 x 14,5 cm (Originalpassepartoutausschnitt), 32,9 x 14,5 cm (Originalpassepartout)

Guest

Re: Merz

#4 Beitragvon Guest » 9. Juni 2004, 01:12

Bild

Das Kotsbild Mz. 158. 1920

Collage, Farbstift (schwarz) und Papier auf Papier, 27,5 x 20,7 cm (Bild), 39,4 x 29,4 cm (Passepartout)
Zuletzt geändert von Guest am 9. Juni 2004, 01:13, insgesamt 1-mal geändert.

schmirgel
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Re: Merz

#5 Beitragvon schmirgel » 9. Juni 2004, 03:42

Merzbau
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Re: Merz

#6 Beitragvon schmirgel » 29. Juni 2004, 05:21

Bild

Das Merzbild 1919
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