Fermin Rocker

Dada und der Rest
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schmirgel
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Fermin Rocker

#1 Beitragvon schmirgel » 14. April 2005, 16:30

Zum Tod des Künstlers Fermin Rocker (1907-2004)
Der Künstler Fermin Rocker ist im Alter von 96 Jahren in London gestorben. Der Sohn
des Anarchosyndikalisten Rudolf Rocker war einer der letzten Zeitzeugen des
Vorkriegsanarchismus in Europa und den USA. Mit ihm starb eine lebendige Erinnerung
an die jiddischsprachige anarchistische Massenbewegung im Londoner East End, die
unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolutionen entstanden
war.
[F.R., der nach dem] spanischen Anarchisten Fermin Salvochea benannt wurde, wurde
am 22. Dezember 1907 geboren. Er verbrachte seine Kindheit im Londoner Stadtteil
Stepney Green verbracht, wie er später in dem Buch "The East End Years: A
Stepney Childhood" beschrieb, das 1998 in dem libertären Londoner Traditionsverlag
Freedom Press erschienen ist.

Er hatte seinen prominenten Vater bereits in frühen Jugendzeichnungen porträtiert
und war fasziniert von ihm. Rudolf Rocker, der 1873 in Mainz in einer katholischen
Familie geboren wurde, flüchtete 1892 von Deutschland nach London. Seine Frau Milly
Witkop-Rocker, war eine von vier Töchtern einer jüdisch-ukrainischen Familie, von
der Rudolf Rocker die jiddische Sprache lernte und so in der Londoner orthodoxen,
aber toleranten ostjüdischen Exilgemeinde schnell zu einem anerkannten Vorbild als
Lehrer und Fürsprecher wurde. Er half bei der Gründung einer eigenen Gewerkschaft,
unterstützte den TextilarbeiterInnen-Streik 1912 und gab von 1898 bis 1914 die
jiddischsprachige Zeitschrift "Der Arbeterfraynd" ("Der Arbeiterfreund") und ab 1899
das Magazin "Germinal" heraus. 1902 gründete sich eine Föderation jüdischer
anarchistischer Gruppen und Rudolf Rocker wurde als deren Delegierter zum
Internationalen Anarchistischen Kongress geschickt, der 1907 in Amsterdam stattfand.


So kam Fermin Rocker schon früh mit anarchistischer Philosophie in Kontakt. Er saß
nächtelang bei politischen Treffen, wie denen im Jubilee Street Club, und kannte
auch die elterlichen Gäste, wie Emma Goldman, Erich Mühsam, Augustin Souchy,
Buenaventura Durruti, Peter Kropotkin und Errico Malatesta. Er spürte die
hoffnungsvolle Aufbruchstimmung in der Szene der East-End-Radikalen jüdischer
Herkunft, die voller Freiheitsideale und sozialer Utopien gewesen war. Noch kannte
man nicht die bodenlosen Abgründe der europäisch-christlichen Zivilisation, die
später ihren vernichtenden Rassefeldzug von Nürnberg nach Auschwitz führten.

Doch die Zeiten der Repression nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs machten auch
vor der Familie Rocker nicht halt, der prominente Vater wurde als "feindlicher
Ausländer" verhaftet und Fermin besuchte ihn im Sammellager Alexandra Palace in
Nord-London. Nachdem auch Milly Witkop-Rocker in Haft genommen wurde, blieb der
Familie nur der erneute Weg ins Ausland. Zum Ende des Ersten Weltkrieges fanden sie
in Amsterdam wieder zusammen und kehrten 1919 in das Deutsche Reich zurück, wo die
sozialistische Novemberrevolution Kaiser Wilhelm II gestürzt und den Weg für die
Weimarer Republik frei gemacht hatte.

Fermin Rocker lernte bei seinem Bruder Rudolf, einem Sohn aus der ersten Ehe seines
Vaters, das Zeichnen. In Berlin, wo die Familie Rocker seit 1919 lebte, machte
Fermin eine Ausbildung als Lithograph (Steindrucker) und besuchte Kurse an der
Städtischen Kunstgewerbeschule. Nachdem sich Fermin mit der modernen Kunstszene in
Deutschland, wie dem Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift "Die Aktion",
Franz Pfemfert, bekannt gemacht hatte, begleitete er 1929 seinen Vater auf einer
Vortragsreise in die USA und entschloss sich dort zu leben. In New York verfolgte er
- noch ganz unter dem Eindruck von Käthe Kollwitz - seinen bildlichen Realismus ohne
sich einer bestimmten Stilrichtung anzuschließen. Als in Deutschland die
Nationalsozialisten die Macht übergeben bekamen zwang das Fermins Eltern erneut zur
Flucht und so zogen sie ebenfalls in die USA, in die nahegelegene anarchistische
Mohegan-Kolonie in Crompond. Fermin mußte jahrelang seinen Unterhalt mit Graphik
verdienen, w
ie durch Comiczeichnungen beim "Popeye"-Produzenten Max Fleischer, aber auch mit
Kinderbuchillustrationen und Auftragsmalerei. Seit 1937 nutzte er wieder verstärkt
Steindruck und Radierungen und wird allgemein zu der Schule der Amerikanischen
Realisten gezählt. Seine erste Einzelausstellung wurde 1944 in New York eröffnet,
eine weitere folgte erst im Jahr 1961.

Seit den 1950er Jahren hatte Fermin Rocker in seiner Ölmalerei einen realistischen
Ausdruck verfolgt, in dem die Personen seltsam isoliert erscheinen, trotz aller
Bewegung und Betriebsamkeit. Ob die Gemälde eine Demonstration unter roten Fahnen
zeigen, die Massendeportation baskischer Gefangener durch Francos Truppen oder zum
Protest vorstürmende Arbeiter - die Bilder scheinen stets das zugrunde liegende
sozial-politische Prinzip des Dargestellten zu illustrieren. In seinen
Portraitbildern hingegen zeigt sich Fermin Rockers durchaus einfühlsame
Detailfreude. Nicht nur die berühmte Schwarzweiss-Portrait seines Vaters, auch sein
Familienbildnis fällt auf durch charakterliche Darstellung und zurückhaltende
Dramatik.

Es dauerte jedoch bis in die 1970er Jahre, daß Fermin Rocker von seiner Kunst leben
konnte. Zu der Zeit war er mit seiner Frau Ruth Robins (die schon 1989 verstarb) aus
den USA nach London zurück gekehrt, wo er in den letzten zwanzig Jahren mit über
zehn Einzelausstellungen eine gewisse Beliebtheit erlangte. Auch in der
anarchistischen Szene Grossbritanniens wurde der Sohn des weltbekannten Rudolf
Rocker nie vergessen. Sein Sohn Philip, der sich um den alternden Fermin kümmerte,
berichtete, daß die Zeitung Freedom jeden Monat ein kostenloses Exemplar schickte,
ohne daß sie abonniert worden wäre. Die Stephen Bartley Gallery in London widmete
Fermin Rocker zu seinem 90. Geburtstag eine große Ausstellung und in Deutschland
zeigte im Frühjahr 2002 die Berliner Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Werkschau zusammen
mit einer Podiumsdiskussion über "Rudolf Rocker und der Anarchismus im Widerstand
gegen Hitler".

Fermin Rocker malte bis zu seinem Lebensende in seiner Dachgeschoßwohnung am
Londoner Tufnell Park, wo er am 18. Oktober 2004 in seinem Bett an einer
Grippeerkrankung verstarb. Am nächsten Tag eröffneten über hundert Trauergäste und
KunstfreundInnen in der Londoner Chambers Gallery wie geplant eine Rückschau auf die
siebzigjährige Kunstproduktion des verstorbenen Künstlers. Sein Leichnam wurde am 1.
November in Nord-London verbrannt und seine Asche verstreut.
Bild

Quelle:http://www.ainfos.ca/de/

da gibt es noch mehr Infos und auch links.
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