Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

Fröhliches Feiern
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Alex Alzheimer
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Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#1 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:34

"Schädelspalter" 6/83
Die Wende

Für viele hat es den Reiz der Exotik, wenn sie vorm Bahnhof an den Punks und Skins vorbeihasten. Manche denken an Adolf und seine Art, solche Pro-bleme der Endlösung zuzuführen, manchen vermitteln die bunthaarigen, leder-nen Chaoten unter dem Irokesenkamm das wohlige Gefühl, daß man Gottseidank nicht so ist wie die. (Machen die das mit Haar Spray oder wie?!) Und wenn die Skinheads mit glatzigen Schädeln, umgekrempelten, von Hosenträgern ge-lifteten Jeans, unter denen martialisches Schuhwerk stampft, also wenn die zur rechten Tür reinkommen, dann geht man lieber zur linken raus. Und daß die Skins den Punks nicht grün sind, hat man auch schon Irgendwo gehört.

Mit einem Wort: Alle finden alle und alles zum Kotzen. Doch das soll sich ändern: Ein 'nationales Punk- und Skinhead-Treffen' am 2. Juli soll 'die Wende' bringen.

Die Erscheinungsformen der beiden Subkulturen sind zwar aus England impor-tiert, doch sie wachsen auf bundesdeutschem Mist: Der besteht aus der er-füllenden Perspektive, die dieser unser Staat aufstrebenden jungen Menschen bietet. Als da sind Arbeitslosigkeit, kein Dach über dem Kopf und angemacht von Hinz und Kunz. Mal grob gesagt: Er ist bei Punks und Skins nicht sehr populär. Aber bisher oft in unterschiedlicher Richtung: Die Punks, indivi-dualistisch bis zur Selbstaufgabe, entwickelten anarchische Umgangsformen.

Die Skins, die eher zu festen Strukturen neigen, zogen Neo-Nazis an wie das Licht die Motten. In einigen Städten, besonders in Hamburg, entstand daraus ein explosives Gemisch aus den Resten der Hansa-Bande des Neo-Nazis Kühnen, rechten Fußballfans und Hardrocker, deren organisierter Kern, die 'Savage Army' (SA), anfing, systematisch Jagd auf Punks und Türken zu machen. Es kam zu blutigen Auseinandersetzungen.

Die Punks legten sich eher mit der Staatsgewalt an, denn diese reagierte von vornherein ihren gesamten Frust an den unangepaßten 'Chaoten' ab. Für Punks sind 'Rechtsstaat' und 'Demokratie' wirklich absolute Phrasen, denn die Staatsgewalt zeigt sich ihnen gegenüber gewaltsam n und diktatorisch. Was geht in einem Polizisten vor, wenn er einen Punk vor sich und die ko-chende Volksseele hinter sich hat? Das können sich wohl nur wenige vorstel-len - aber das ist das wahre Verhältnis. 'Punker-Dateien' sind da nur noch der Schnörkel am Rahmen.

Die 'Hamburger Verhältnisse' begannen auch in Hannover zu wirken: Im August 82 kam es auch hier zu einer wüsten Schlacht. Fascho-Skins gegen Anarcho-Punks? Lachende Dritte gab’s genug.

Da kam mal wieder aus England eine neue Tendenz, die den Schlachtruf OiOiOi aus den Fußballarenen auf die Straße und in die Musikszene gebracht hatte. Viele Skins hatten sich dort von den Nazis abgewandt, fühlten sich ausge-nutzt und mißtrauten jeder Politik. Die Oi-Skins wurden auch in West-deutschland starker, betrachten sich als Patrioten, die nicht wollen, daß dieses Land immer mehr zerstört wird: durch Umweltverseuchung, Faschismus oder Atomkrieg. So entstanden Berührungspunkte mit den Punks eine Verbrüde-rung ist überfällig.

Das beste Beispiel ist Hannover. Hier existieren nach einer Zeit erbitter-ter Feindschaft Punk- und Skinszene neben- und miteinander. Hier lassen sich die meisten Skins nicht mehr in die Nazi-Ecke drangen und liegen in ständiger Fehde mit Fascho-Skins aus anderen Städten.

Damit dieses Beispiel Schule macht und sich überall die Oi-Skins von den Nazi-Skins trennen und mit den Punks befreunden, wollen hannoversche Punks und Skins hier ein großes Fest veranstalten, zu dem Punks und Skins aus ganz Europa eingeladen werden.

Am 1. Juli soll es im UJZ Kornstraße mit einem Konzert beginnen. Wahr-scheinlich spielen die Gruppen 'Die Alliierten', 'Oberste Heeresleitung' und/oder 'Daily Terror’.

Und wer daran rummäkelt, weil die politische Perspektive so verworren ist oder weil seine Sensibilität sich in dieser Szene nicht recht entfalten mag, der sollte zumindest still sein und sich überlegen, was wäre, wenn diese Szene den Nazis in die Finger fiele. Bk
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Alex Alzheimer
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Re: Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#2 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:37

"Die Tageszeitung" 30.06.83
Skins und Punx kommen nach Hannover
Die Wende - ein reines Fun-Treffen

Hannover (taz) - Mit einer Kriegserklärung an alle Staaten der Welt soll am Freitag ein dreitägiges Chaoten-Treffen beginnen, zu dem die niedersächsi-sche Landeshauptstadt hunderte von Teilnehmer aus allen Teilen der Republik erwartet. Es geht um "Die Wende" in der Jugendpolitik- diesmal von unten.

Seit Wochen kursieren in der Szene Flugblätter und Klebebildchen, auf denen von 'Wende' die Rede ist. "Punx und Skins in Zukunft gemeinsam". steht dar-auf. Faschisten sollen sich nicht blicken lassen: "Oi-Oi-Oi statt Sieg-heil". ist ein Motto des Spektakels.

.*Die Wende ist keine geplante Geschichte", sagt einer, der sich bei den Bunt- und Kahlköpfen auskennt. Viele Leute machen sich so ihre Gedanken da-zu." Rädelsführer sind nicht auszumachen, die Idee eines Punkertreffens in Hannover ist uralt Nach dem sogenannten 'Chaos-Tag' kurz vor Weihnachten, an dem immerhin knapp zweitausend Bunte gegen eine Sonder-Kartei beim han-noverschen Staatsschutz demonstrierten, war ein Ultimatum an die Polizei ergangen, ihre Punker-Daten gefälligst zu löschen. Daraufhin beschweren sich einige Skinheads bei der Punk-Szene. Sie seien schließlich auch einge-speichert. Der Ablauf der damals auf ein halbes Jahr gesetzten Frist in Sa-chen Punker-Kartei geriet so zum willkommenen Anlaß, einfach mal was zusam-men zu machen.

"Ich hab ne rechtsradikale Vergangenheit". spricht ein Skin ins Mikrofon. Nach langem Suchen ist es der taz gelungen, zwei Exemplare der neuen deut-schen Jugend zum Gespräch zu bewegen. Die beiden tragen geschnürte engli-sche Arbeiterstiefel, Original "Doc Martens", gebleichte Röhrenjeans mit Hosenträgern. Einer hat eine "Made in Germany"-Tätowierung auf seinem frei-en Oberkörper und einen kahlrasierten Schädel. Der andere scheint ein Grenzgänger: ".Punk ist tot". ist auf seine Lederjacke gepinselt. Noch sind seine Haare buntgefärbt.

Beide haben die Schnauze voll von den ewigen Rivalitäten in der Jugendsze-ne: Skinheads sind Nazis und Punks anarchistisches Gesockse - son Quatsch!" meint der bei den Rechten Sozialisierte. Vor zwei Jahren war er noch bei einer Wehrsportgruppe, aber heute sind keine Fascho-Sachen mehr angesagt". Das gelte auch für den Großteil der hannoverschen Skinheads. Nur ab und zu und ohne politischen Hintergrund", meist "mit "besoffenem Kopp" und um Leu-te zu ärgern, würden noch Nazisprüche geklopft. Besonders beliebt seien diese gegenüber Polizeibeamten. Wenn die ankommen und uns auf die Birne hauen wollen schreien wir Siegheil und machen ne Mücke."

Während in anderen Städten, allen voran Hamburg, die Fusion zwischen Fa-schisten. Fußballfans und jugendbewegten Skins erschreckend um sich greift, hat sich in Hannover eine sehr eigene Skingang stabilisiert. Weitgehend frei auch von 'Kanisterköppen', wie die meist nationalistischen Glatzköpfe von der britischen Armee hier genannt werden. Möchtegernskinheads die sich eben mal Schürstiefel und ne Bomberjacke anziehen. sind hier ebensowenig gelitten wie Neonazis. Und zu den Punks besteht nach einigen klärenden Schlägereien ein freundschaftliches Verhältnis.

Wenn die Politleute sich mehr Mühe geben würden, ließe sich das in anderen Städten auch anleiern". meint der Struwwelkopf. Das Feindbild nach der Haarlänge zu bestimmen, gehe doch voll nach hinten los. Wichtig sei es, sich einfach mal genau kennenzulernen. Dann würde man schon mitkriegen, daß es gar nicht so große Unterschiede gäbe.

So würden sie auch die Wende sehen. Alle Leute sollen kommen, die gut drauf sind. Bloß Bock auf politische Parolen bestünde nicht. "Nazis raus aus der Szene" sei das einzig erwünschte Motto.

Wie sie denn reagieren, wenn nun doch, wie bereits angekündigt. Nazi-Skins organisiert anreisen? Stell dir das mal bildlich vor. Wenn tatsächlich wel-che kommen, dann doch nicht, um sich mit uns zu buffen, sondern um wieder mehr Einfluß in der Szene z u kriegen. Dann gehe es darum, von vornherein die Trennungslinie aufzuzeigen. "Ich will doch nicht mit Faschos in einen Topf geworfen werden", sagt der ehemalige Wehrsportanhänger. Eine gemeinsa-me Front gegen die Polizei will er auf jeden Fall vermeiden. Politisch daneben wären doch hinterher Schlagzeilen wie Nazitreffen endete mit Krawall". "Da hau ich den Faschos lieber gleich aufs Maul damit der Rest der Jugend kapiert, daß deren Elitedenken Scheiße ist".

Das große Verbrüderungstreffen startet am kommenden Freitag. Am Abend wird ein Festival im Unabhängigen Zentrum Kornstraße stattfinden. Spielen sollen u.a. die Gruppen DAILY Terror" (Punx) und SS Ultra Brutal" (Skins). Die ge-samte Hannover-Szene ist als Ordner engagieren. Der Samstag beginnt für Frühaufsteher mit einem gemeinsamen Flohmarktbesuch. Dort will man Stände mit NS-Andenken abräumen. Um 14 Uhr sammeln sich die Kräfte in der ver-kaufsoffenen Innenstadt. Der dann im Programm vorgesehene Allgemeine öf-fentliche Geschlechtsverkehr ist allerdings nur als Anregung gedacht. Um 15 Uhr soll ein gemeinsamer kleiner Volkslauf durch die City gestartet werden. Falls dieser Aufzug, wie beim Chaos-Tag im Dezember geschehen von der Poli-zei angegriffen wird, will man sich in Kleingruppen in der ganzen Stadt verteilen. Lieber mit ner kleinen Gruppe viel Spaß haben, als mit ner gro-ßen im Knast landen", sagt einer der Gesprächspartner.

Vor allem soll jeder das tun, was er selbst für richtig hält, Möglichkeiten gäbe es doch viele. Am Abend soll ein zweites Konzert das Fun-Treffen" anheizen. Damit am nächsten Morgen noch möglichst viele Punks und Skins da sind. Sonntag früh soll nämlich ein eigener Block auf dem traditionellen Aufmarsch zum hannoverschen Schützenfest gestellt werden. Der angeblich größte Schützenumzug der Welt wird live im Fernsehen übertragen.
wobe
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Re: Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#3 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:39

"Hannoversche Allgemeine" 2.7.83
Hannover ist drei Tage lang Metropole für Punks und Skinheads
Zum Auftakt des großen Treffens flogen Bierdosen und Flaschen

Unablässig dröhnte Freitag nachmittag das Tschingdarassabum von "Rickes großer Romantikorgel" über den Bahnhofsvorplatz. Doch den vielen hundert Schaulustigen, die die Balustraden zur Passerelle säumten, stand der Sinn nicht nach Romantik. Sie waren Zaungast eines Spektakels, wie es Hannover noch nicht erlebt hat: Rund ums Ernst-August-Denkmal hatten sich Hunderte von Punks und Skinheads aus allen Teilen der Bundesrepublik und sogar aus dem Ausland zu ihrem bislang größten "Bundestreffen", versammelt. Motto des Dreitagemeetings in der Landeshauptstadt: Verbrüderung von Bunthaarigen und Kahlgeschorenen, gemeinsam gegen "Bonzen und Bullen".

Wer das Freundschaftstreffen auf die Beine gestellt hat, weiß wohl kaum je-mand aus dem kunterbunten Haufen. Eddy aus Berlin, Skinhead durch und durch, hat es daheim irgendwann mal in der Kneipe gehört: "Ick bin denn heute früh gleich los, wa, Daumen raus, über die Autobahn."

Daß es mal an der Zeit war, Schluß zu machen mit dem Gerangel - Skins kon-tra Punks -, findet auch Sven, der per Bundesbahn zum Bundestreffen geeilt ist. "Was soll das", findet der Hamburger, daß wir uns gegenseitig eins auf die Mütze hauen? Wir müssen zusammenhalten gegen die Bullenschweine." daß unter den kahlköpfigen Skinheads auch ein paar Nazis" sind, wie der 18jährige weiß, ist erstmal zweitrangig. Und auch was ablaufen soll in den drei Tagen an der Leine, spielt keine Geige. Klar, es gibt so was wie ein Programm, die Bonzen beim Einkauf stören, dann irgend so 'ne Aktion am Kröpcke", auch ein gemeinsamer Rundgang über den Flohmarkt.

"Richtig los", weiß ein Hamburger Punk namens "Tube" zu berichten, geht's erst heute so gegen Mitternacht." Tube ist schon fünf Tage in Hannover. Wo er schlafen soll in den kommenden Nächten, steht noch in den Sternen: Bis jetzt hab' ich mit ein paar anderen in so 'ner alten Fabrik beim TÜV gepoft." Die Nachtruhe allerdings sei typisch - ein paarmal von "Bullen" ge-stört worden.

Auf härtere Auseinandersetzungen ist ' Tube vorbereitet, eine Gasmaske hab' ich im Handgepäck". Über den Handzettel, die: Polizisten am frühen Nachmit-tag verteilt a haben, kann der 17jährige nur den Kopfschütteln. Für ein friedliches Treffen - "Gegen Gewalt und Chaos" steht darauf, geschrieben. Und auch dies: Greifen Euch rivalisierende Gruppen an, könnt Ihr mit unse-rem Schutz rechnen."

Tube setzt die Pulle ab. "Da, guck dir das, an!" Unten in der Passerelle marschiert langsam ein Polizeicordon vor. "Bullenschweine, Bullenschweine" schallt es ihnen: im Chor entgegen, dann fliegen Bierdosen, Flaschen zer-bersten, brüderlich spurten Punks und Skins Richtung Bahnhofsvorplatztreppe. sto
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#4 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:40

Angetrunkene "Punks" kamen hinter Gitter

Am ersten Tag des ersten "Bundestreffens" von Punks und Skinheads an diesem Wochenende in Hannover ist es Freitag abend zwischen rivalisierenden Grup-pen und der Polizei zu massiven Handgreiflich keilten gekommen. Elf jugend-liche Punks zumeist angetrunken - kamen in Polizeigewahrsam.
Schon in den frühen Morgenstunden waren Punks und Skinheads aus allen
Teilen des Bundesgebiets sowie aus Westberlin nach Hannover getrampt und hatten sich im Bahnhofs- und Passerellenbereich konzentriert. Polizeibeamte in Uniform und Zivil waren ständig präsent. Die ersten Zwischenfälle ereig-neten sich nach Darstellung der Polizei, als Passanten sich über die Punks mokierten, worauf diese mit einem Bombardement leerer Flaschen reagierten.
Gegen 17 Uhr begann die Polizei mit der Räumung von Bahnhofsvorplatz und Passerelle. Hierbei kam es zu den Festnahmen. Gegen 20 Uhr formierten sich Punks und Skinheads und zogen zum Unabhängigen Jugendzentrum in der Korn-straße, wo sie an einer Konzertveranstaltung teilnehmen wollten. khk
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#5 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:41

Schlacht in der Kornstraße

Kurz vor Mitternacht kam es vor dem Unabhängigen Jugendzentrum in der Korn-straße zu einer wahren Straßenschlacht, wie sich die Polizei ausdruckte. Zunächst prügelten sich Punks und Skinheads, die danach gemeinsam Front ge-gen die Polizei machten. Dabei wurde ein Auto umgekippt und in Brand ge-setzt, Polizeibeamte wurden mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen. In der Nachbarschaft gingen zahlreiche Scheiben von Geschäften zu Bruch.

Erstmalig wurden von seiten der Demonstranten (!) Tränengasgeschosse gegen Polizeibeamte eingesetzt. Bei Redaktionsschluß dieser Ausgabe waren die Auseinandersetzungen noch in vollem Gange. khk
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#6 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:43

"BILD-Zeitung" 2.7.83
ANGST! 5000 Punker sind da
Bahnhof belagert, Verletzte, Festnahmen

Gestern abend vorm Hauptbahnhof- Blaulichter zucken, Polizeiwagen fahren über den Vorplatz. Passanten bleiben erschrocken stehen. Auf den Stufen zur Passerelle hocken rund 500 Punker- knallrote Haare grüne Strähnen. Leder-jacken mit silbernen Nieten. Sie kommen aus ganz Europa - es ist erst der Anfang. 5000 werden erwartet, vielleicht auch mehr.

"Wir wollen Rache" .schreit einer. Rache für die Punker-Schlacht im Dezem-ber 1982. Außerdem wollen sie gegen die Punkerkartei bei Hannovers Polizei protestieren (BILD berichtete).

Als sie die Bahnhofsvorhalle belagern, räumt die Polizei die Halle. Da schleudern die Randalierer leere Sekt- und Bierflaschen auf Polizisten und Passanten - ein Scherbenmeer übersät den Ernst-August-Platz.

Um 19 Uhr steigen 30 Punker mit Pflastersteinen bewaffnet in die Straßen-bahnlinie 6. An der Christuskirche steigen sie aus, werfen zwei Fenster-scheiben der abfahrenden Straßenbahn ein.

In der Kornstraße spielt die Hardrockgruppe "Daily Terror". Betrunkene Pun-ker randalieren, prügeln sich untereinander, wollen den Eintritt nicht be-zahlen. Bis 19 Uhr werden 11 Punker festgenommen, die kommen in U-Haft Ein Mädchen wurde verletzt. Die Beamten stellen Fahrradketten, Messer, einen Nagelgurt und eine Tränengassprühdose sicher. Bilanz des ersten Tages...
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Re: Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#7 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:45

"Neue Presse" 2.7.83
Punker-Krawalle
Krach auch beim Ausmarsch?

HANNOVER. 1200 Punker und Skinheads (lederbekleidete Chaoten) wollen am heutigen Sonnabend die City und den morgigen Schützenausmarsch terrorisie-ren. Diese Befürchtungen hegt die Polizei nach den schweren Ausschreitungen von gestern abend und in der Nacht.

Zu den schwersten Auseinandersetzungen war es gegen 23 Uhr Im Bereich Korn-straße/Gerhardstraße gekommen. Nach einem Rockkonzert vor dem UJZ Kornstra-ße hatten die Punker und Skinheads Privat-Pkws umgekippt und quer auf die Fahrbahn als Barrikaden gestellt. Zahlreiche Fensterscheiben wurden durch Steinwürfe zerstört. Die Polizei forderte zusätzliche Hundertschaften aus Braunschweig und Oldenburg an. Gegen Mitternacht zogen die randalierenden Jugendlichen In Richtung Innenstadt.

Bei Auseinandersetzungen am Hauptbahnhof und in der Passerelle sind elf Randalierer festgenommen und zwei Personen schwer verletzt worden. Zu den Krawallen war es am Hauptbahnhof gekommen als die Polizei alkoholisierte Punks und Skins den Bahnhofsvorplatz belagerten und Beamte einschritten.

Das Aufeinandertreffen der beiden verfeindeten Jugendrandgruppen ist bereits vor Monaten verabredet worden. Punks und Skinheads wollen sich heute gegen 14 Uhr am Kröpcke treffen.
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Re: Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#8 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:47

2 Schwerverletzte, 11 Festnahmen Geschäftsleute zittern
Bei Punker-Schlacht flogen Pflastersteine


VON KLAUS GEMBOLIS

HANNOVER. Stein- und Flaschengrüne gegen Polizeibeamte und Passanten zwei Schwerverletzte und eine zwischen Kröpcke und Hauptbahn-hof mit Scherben übersäte Passerelle: So begann gestern das seit Wochen in linken Gazetten angekündigte Treffen zwischen Punks und Skins in der Lan-deshauptstadt.

Bei Ausschreitungen gestern nachmittag vor und im Hauptbahnhof wurden elf Krawallmacher festgenommen. Die Polizei stellte Schlagwerkzeuge und Messer sicher.

Zur Konfrontation mit der Polizei war es um 17 Uhr gekommen, als rund 100 Chaoten den Hauptbahnhof stürmten und die Zugänge versperrten. "Faschi-sten", "Bullenschweine", gröhlte die betrunkene Menge.

Als sie von 50 Beamten zurückgedrängt wurden, schleuderten die Chaoten Fla-schen und Steine.

In der Passerelle brach ein Mädchen, von einer Bierflasche am Kopf getrof-fen, zwischen Scherben und johlenden Punks zusammen.

Vor dem UJZ Kornstraße, wo gestern abend ein Rockkonzert begann, kam es zu Schlägereien. Zahlreiche Punks hatten sich mit Pflastersteinen bewaffnet. Die Polizei stellte außerdem Gliederketten, Klappmesser und eine Tränengas-sprühdose sicher. Acht Punks werden heute dem Haftrichter vorgeführt.

Auf Handzetteln, die von der Polizei gestern verteilt wurden, heißt es: Die Polizei ist auf euer Treffen vorbereitet. Euer äußeres Erscheinungsbild ist noch kein Grund für uns, gegen Euch einzuschreiten. Erst wenn gegen beste-hende Gesetze verstoßen wird wenn die öffentliche Sicherheit und Ordnung In Gefahr gerät, werden wir tätig. Wenn nötig, mit allen rechtlich zulässigen Mitteln. Laßt Euch von Krawallmachern nicht verleiten oder mißbrauchen. Greifen Euch rivalisierende Gruppen an, könnt Ihr mit unserem Schutz rechnen."

Zu Reibereien mit der Bevölkerung kam es im Hauptbahnhof und in der Passe-relle, als älteren Frauen Taschen aus den Händen gerissen wurden. Für heute befürchten die Geschäftsleute Umsatzeinbußen. Peek und Cloppenburg-Geschäftsführer Rottmann läßt die Eingänge zum Textilhaus am Kröpcke von Personal beobachten. Eine kurzfristige Schließung des Hauses sei möglich, sagte er.

Sorge auch im Café Kröpcke, wo man in ständigem Kontakt zur Einsatzzentrale der Polizei steht. Wie aus Kreisen der Sicherheitsbehörden zu erfahren war, kommen Punks und Skins zum heutigen großen "Verbrüderungsfest" am Kröpcke nicht nur aus der Bundesrepublik, sondern auch aus dem benachbarten Ausland -1200 werden erwartet.

In der in Berlin erscheinenden linken Gazette "TAZ" wurden Punks und Skins aufgerufen, auch am Schützenausmarsch teilzunehmen.
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Re: Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#9 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:53

"BILD-Zeitung" 4.7.83
Punker Terror
Steinhagel am Kröpcke - Flucht in die Kaufhäuser


bp. Hannover, 4. Juli
Das Punker und Skinhead-Treffen am Wochenende in Hannover sollte Friedens-fest aller Punks und Skins aus der Bundesrepublik und England werden. Doch aus dem Treffen wurden die schwersten Krawalle, die Hannover City erlebt hat. Von Samstag mittag bis spät in die Nacht lieferten sich die Chaoten eine Schlacht mit der Polizei, wurden verletzt bekriegten sich untereinan-der.

Um 13 Uhr am Samstag begann der Krawall: Verfeindete Punker und Skinheads schlugen mit Stahlarmbändern und Fäusten aufeinander ein, grölten dabei ih-re Schlachtrufe: "Oi, oi, oi" und "Sieg Heil".

Eine Stunde später war der Spuk vor In bei, Punks und Skins verbrüderten sich. Gemeinsam zogen 600 Punker und 250 Skinheads zum Kröpcke. Einer schreit: "Das ist ja geil, wie in Berlin"

17 Polizisten wurden verletzt '
Am Kröpcke wartet die Polizei bereits auf die Chaoten. Dann fliegen Bier- und Weinflaschen die Randalierer schleudern Pflastersteine. Polizisten kes-seln die Chaoten ein. Passanten flüchten vor dem Steinhagel in die Kaufhäu-ser. Die Chaoten zertrümmern Scheiben der Banken und Geschäfte. Schaufen-ster werden geplündert.

Einem Inhaber, der schnell ein Gitter vor die Scheiben klappte, schreien sie entgegen: "Hier paßt auch ein Stein durch" Sekunden später zersplittert die Scheibe. Dann ziehen sich die Chaoten zurück, randalieren danach noch am Jugendzentrum Glocksee und am Bahnhof.

Insgesamt gingen 50 Schaufenster zu Bruch. 17 Beamte wurden zum Teil schwer verletzt. Die Polizei nahm 180 Chaoten fest.

Punker - Skinheads: Daran kann man sie erkennen
Schon von weitem kann man sie erkennen: Die Skinheads (Hautköpfe) laufen glatzköpfig rum, rasieren ihre Schädel täglich. Punker formen ihre Haar-pracht zu Hahnenkämmen oder Eispickeln, die bis zu zehn Zentimeter in die Luft ragen. Sorgfältig behandelt jeder Punk seine Haare mit Seife und Haar-spray. - damit sie möglichst starr vom Kopf stehen. Dann kommt noch viel Farbe ins Haar: rote, gelbe, grüne, violette Streifen - je bunter, desto besser.

Skinheads tragen meist grüne Jacken und Fliegerhosen, da, zu schwarze Springerstiefel (wie Fallschirmjäger). Viele von ihnen sind Neonazis.
Punker schmücken sich mit zerrissener Lederkleidung, zerfetzten Unterhemden und T-Shirts. Einige hoben Armbänder mit großen Dornen am Handgelenk - be-nutzen es als Waffe...

Die verfeindeten linken Punker und die Skinheads - viele fallen durch neo-nazistische Parolen auf - kamen von überall her. Sie wollten nach einem Konzert der Rock Gruppe Daily Terror am Freitagabend im Jugendzentrum Han-nover Versöhnung feiern.

Ihre Versöhnung endete mit Terror, Blut und Tränen: Mit Ketten, Latten und Stahlkugeln gingen die Skinheads auf der Straße auf die Punker los, schrien: "Oi oi oi!"

Die Punker wehrten sich mit Messern, eisernen Armbändern, Tränengas, brüll-ten: "Sieg Heil!"

1000 Polizisten warfen sich dazwischentrieben die Rocker auseinander. Zehn Beamte verletzt.

Die Rocker stießen einen weißen Mercedes um bauten quer über die Straße ei-ne Barrikade aus Mülltonnen und Autoreifen Die Polizisten schossen mit Was-serwerfern 40 Rocker festgenommen.

Dann war drei Stunden Ruhe Die Chaoten schliefen am Hauptbahnhof. sogen am Sonnabend noch mal in Gruppen durch die Innenstadt. Die Menschen waren durch Rundfunk und Leitungen gewarnt Straßen und Kaufhäuser blieben leer Mindestens 1OO 000 Mark Verlust, sagen die Kaufleute.

Man mußte ständig Angst haben
Fast tausend Punker und Skinheads in Hannover, ebenso viele Polizisten. Was sagen die Hannoveraner über die Punker?

Eine 71jährige Rentnerin aus Uadenstedt: Wenn die jungen Leute mal ihren Dreck nachher wegfegen würden, hätte ich nichts gegen ihr Treffen."

Eine 23jährige Verkäuferin vom Kaufhof: Man mußte ja ständig Angst haben, daß bei uns ein Stein durchs Schaufenster fliegt."

"Würden die Jungen arbeiten, anstatt ihre Punkfrisuren auf Vordermann zu bringen hätten sie viel Geld", meint ein 58jähriger Hannoveraner.

"Viele von uns arbeiten ja auch, wir machen uns nur am Wochenende so zurecht", sagte ein 17jähriger Punker aus Berlin.

Geschäftsmann mietet Body-Guards
Durch die Krawalle erlitten die Geschäfte in der City Umsatzeinbußen von 50 000 Mark, rund 100 000 Mark kosten die neuen Schaufenster für Banken und Geschäfte.

"audiophil"-Inhaber Thomas (23): "Plötzlich kamen lederbekleidete Punker in die Grupenstraße gerauscht, schon klirrten die ersten Scheiben. Ein Stein riß meine Stereoanlage um, Glassplitter beschädigten Lautsprecherboxen. Al-lein bei mir im Geschäft habe ich 60 000 Mark Schaden." Der 23jährige mie-tete Body-Guards für sein Geschäft. Passantinnen sahen den jungen Mann so-gar mit einem Revolver in der Hand auf der Straße Herbert Kämpfer, Restau-rantleiter vom "Mövenpick": "Wir sind hier mitten Im Zentrum der Gewalt, die Kunden bleiben weg. Heute fehlen uns bestimmt 10 000 Mark In der Kasse. Aus Angst blieben die Kunden auch bei Neckermann weg. Der Geschäftsführer: Wir haben während der Krawalle heute nachmittag erst einen Kunden gehabt."

Bild-Kommentar
Punker und der Staat


Von ENNO VON LÖWENSTERN

Punker oder Rocker sollen sich kleiden, wie sie wollen: Ringe durch Ohren oder Nase, knall-gelbe oder grüne Haare. Nicht jeder Bürger wird das mögen, aber so tolerant sollten wir sein.

Aber wenn diese (und andere) Gruppen durch die Straßen ziehen und Kleinholz machen wie jetzt in Hannover (Seite 1), dann muß der Staat zeigen, wer Herr im Hause ist.

Es hat sich bei "Berufsdemonstranten" herumgesprochen, daß es ziemlich ge-fahrlos ist, zu demolieren und zu randalieren. Entweder taugen die Gesetze nichts - oder sie werden nicht richtig angewandt. Für beides haben die Bürger überhaupt kein Verständnis.
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Re: Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#10 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:55

"Hannoversche Allgemeine Zeitung" 4.7.83
Das Treffen von Punks und Skins endete in einer Straßenschlacht
Viele Verletzte, kaputte Schaufenster und 180 Festnahmen
Geschäftsleute ließen Gitter herunter / Pflastersteine flogen


Zu schweren Ausschreitungen von Punks und Skinheads kam es am verkaufsoffe-nen Sonnabend in der Innenstadt. Bis in die Abendstunden zogen Randalierer durch die City, an rund 50 Gebäuden im Stadtzentrum und in der Nordstadt gingen Scheiben zu Bruch. Die Polizei bot mehrere Hundertschaften aus ganz Niedersachsen auf, um die Teilnehmer des "Verbrüderungstreffens" zwischen bunthaarigen Punks und kahlköpfigen Skins in Schach zu halten. Bei den Aus-einandersetzungen wurden 17 Beamte verletzt; über die wahrscheinlich noch höhere - Zahl von Verletzten auf der anderen Seite gibt es keine Informa-tionen. Etwa 180 junge Leute wurden vorübergehend festgenommen.

Sonnabend vormittag auf dem Bahnhofsvorplatz: Trotz der nächtlichen Schlacht in der Kornstraße - die HAZ berichtete darüber in einem Teil ihrer Sonnabendausgabe - setzt die Polizei noch einmal auf Verständigung. Wie schon am Vortag verteilen Beamte grüne Handzettel an die jungen Leute, die rund ums Ernst-August-Denkmal die Flaschen kreisen lassen. "Für ein fried-liches Treffen - gegen Gewalt und Chaos" steht darauf geschrieben. Doch in der Luft liegt Randale.

Schaulustige Passanten belagern die Logenplätze an der Passerellenbalustra-de. Vor und unter ihnen kommt es zu ersten Reibereien - in der Wolle liegen sich zunächst nur ein paar Punks und Skinheads untereinander. Irgendwann fliegen Flaschen und Dosen. Unten in der Passerelle rückt ein Polizeicordon vor, oben riegeln Beamte den Zugang zur Bahnhofstraße und links und rechts zu den Parkplätzen ab.

Das Wurfbombardement verstärkt sich auch Pflastersteine zischen Richtung Polizeitrupps. Plötzlich stürmt alles Richtung Bahnhofsgebäude, an dessen Eingänge Bahnpolizisten postiert sind. Es hagelt Steinwürfe gegen die Fen-sterfront des Portals, Scheiben zerbersten, Beamte setzen Gummiknüppel und Tränengas ein.

Dann beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel quer durch die City. Spontan" wie das Treffen an sich sind auch die "Aktionen" der vielleicht 500 bis 600 Teil-nehmer (die Polizei schätzt die Zahl auf kaum mehr als 360). Während über-all in der Innenstadt kleine Punk- und Skinheadgrüppchen friedlich lagern, gibt es an den verschiedensten Brennpunkten Zoff: Die Stadt ist erfüllt von den "Oi-Oi"-Rufen der Randalierer und dem Tuten der Martinhörner. Die mei-sten Geschäftsleute haben an den Eingängen Vorposten aufgestellt, bei Magie bewachen Body-Guards mit Hunden die Portale überall gehen die Schaufenster-gitter herunter.

Als Mannschaftswagen der Polizei über den Platz am Kröpcke rollen, trifft sie ein Bombardement von Pflastersteinen, Scheiben zerbersten. Gleich um die Ecke hat sich ein Punktrupp "McDonald's" vorgenommen. Mit Stiefeltrit-ten gegen die gläserne Eingangstür werden die Angestellten, die aus Angst dichtgemacht haben, dazu genötigt, wieder aufzuschließen. Der Sturm aufs "Hamburger"-Lokal endet erst, als eine Polizeimannschaft naht.

Beide Seiten gehen jetzt immer härter gegeneinander vor: Wenn irgendwo wie-der Schaufensterscheiben klirren, stürmt ein Pulk von Beamten hinter den flüchtenden jungen Leuten her. Nicht immer sind es die Rädelsführer, auf die der Gummiknüppel niedergeht. Einzelne Punks und Skins werden über den Boden geschleift, es hagelt Fußtritte, in der Luft hängt der beißende Ge-ruch von Tränengas. Verletzte werden mit Unfallwagen abtransportiert.

Gegen Zivilpolizisten und Beamte, die sich ein paar Meter von ihrer Einheit abgesetzt haben, machen die Chaoten mobil. Immer wieder kommt es an einigen Stellen der City zu regelrechten Verfolgungsjagden, immer wieder fliegen Steine und Flaschen. Schier unbegreiflich die Unvernunft vieler Schaulusti-ger, die sich trotz polizeilicher Absperrungen das Spektakel nicht entge-henlassen wollen und samt Kindern im Getümmel ausharren.

Zu einer Beruhigung in der Innenstadt kommt es erst am späten Nachmittag. An Kröpcke fliegen gegen 18.30 Uhr die letzten Steine, rund 80 Randalierer sind zu diesem Zeitpunkt bereits festgenommen worden. Als sich eine halbe Stunde später eine Gruppe von 80 Jugendlichen Richtung Schützenplatz in Marsch setzt, macht die Polizei kurzen Prozeß. Ohne daß es unmittelbar vor-her zu Ausschreitungen gekommen ist, werden alle aus Gründen der "Gefahren-abwehr" vorübergehend festgenommen. Scheiben klirren trotzdem noch: Im Laufschritt ziehen Punks und Skins, die sich abends am Jugendzentrum Glock-see getroffen haben, durch die Innenstadt. Wieder gibt es Festnahmen.

Nach Mitteilung der Polizei sind inzwischen 100 der vorübergehend inhaf-tierten Teilnehmer dieses bislang größten Treffens von Punks und Skins wie-der auf freiem Fuß. - Der Rest werde "peu a peu" entlassen.

Gegen alle Festgenommenen seien Strafverfahren wegen Landfriedensbruches eingeleitet worden. Sichergestellt wurden mehrere Messer, Eisenketten, Stahlkugeln sowie eine Gaspistole.

Schon gestern vormittag traten viele der Punks und Skinheads den Heimweg an Zu den befürchteten Störungen des Schützenumzugs kam es nicht. p-
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#11 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:57

"Was starrt ihr so? - Wir sind doch keine Tiere"
Punks und Skinheads erschreckten Hannover


Von Jutta Oerding

Hannover. Ob Spießer, Ted, Popper oder Hippie, ich würde jedem Arbeit geben. Ist doch egal was einer ist, wenn er ranklotzt." Manuela wirft am Ernst-August-Platz in Hannover den künstlich aufgetürmten lila-gelben Haarschopf in den Nacken und hält trotzig den neugierig-abschätzenden Blicken der Passanten stand. Für das Punk-Mädchen ist mit dieser lapidaren Bemerkung das Thema abgehakt, das in dieser Zeit den meisten Jugendlichen auf den Nägeln brennt. Auf die Frage, warum die Punks denn soviel kaputtschlagen und die Stadt in eine Müllhalde verwandeln, kommt ohne zu zögern eine verblüffende Antwort: Ich muß doch auch in die Glasscherben treten. Da schnorr' ich mir eben Geld zu-sammen und kauf' mir ein paar neue Schuhe!"

Manuela gehört zu den ganz wenigen Teilnehmern des Bundweiten Treffens von Punks und Skinheads, die sich am Wochenende in Hannover überhaupt mit Pas-santen auf ein Gespräch einlassen. Vor dem Bahnhof hält sie sich mit der einen Hand am Geländer der Passerelle fest, mit der anderen stützt sie ih-ren Freund. Die Bierflasche liegt zwar noch sicher in seiner Hand, sein Stehvermögen hat der Alkohol schon lange erschüttert. Er findet nur noch Worte für sein eigenes Elend: Meine Eltern haben eine Schweinekohle, wirk-lich, die verdienen wie die Säue. Aber mich haben sie schon vor Jahren rausgeschmissen."

Der Halbkreis um die beiden jungen Leute in ihren Bunt eingefärbten schwar-zen Kunstlederjacken wird dichter. Immer mehr Passanten reihen sich ein, die zuvor wie gebannt über das Geländer der Passerelle gestarrt hatten, als gäbe es dort mehr zu sehen als zersplitterte Flaschen, zerbeulte Dosen, flatternde Papierfetzen und schmierige Essensreste. Schon vor Stunden hat die Polizei die Passage unter dem Hauptbahnhof geräumt. Noch zeugen die Bierflaschen von einem gefährlichen Mitstreiter bei den zweitägigen Ausein-andersetzungen zwischen Polizei und jungen Leuten, zwischen Punks, Skin-heads und Passanten: dem Alkohol.

An zwei Tagen hat die Polizei in Hannover mehr als 180 Teilnehmer an diesem Bundestreffen der gesellschaftlichen Außenseiter festgenommen, 17 Beamte und mindestens ebensoviel junge Leute haben Verletzungen erlitten. Die Po-lizei die mehrere Hundertschaften aus ganz Niedersachsen angefordert hatte, beschlagnahmte Eisenketten und Springmesser und zählte 50 Gebäude mit ein-geworfenen Fensterscheiben.

Dabei sollte das Treffen in Hannover ein Friedensfest werden, eine Verbrü-derung zwischen den seit Jahren rivalisierenden Gruppen der Punks und Skin-heads. Die Skinheads mit ihrem kurzen Haarschnitt oder völlig kahlgeschore-nem Kopf ihren Fliegerstiefeln und graugrünen Blousons halten sich für "rein an Körper und Seele" auch wenn ihre schmierigen und zerrissenen Jeans augenscheinlich vom Gegenteil zeugen. Die Punks mit ihrem Mut zur Häßlich-keit, poppig eingefärbten Haaren oder dem Hahnenkamm auf dem Kopf, den Si-cherheitsnadeln im Ohr oder dem Ring in der Nase reizen die Skinheads seit Jahren zu handfesten Streitereien. Die Punks wiederum stellen die Skin-heads, eine sektiererische Gruppe, gewiß nicht zu Unrecht in die Ecke der Neonazis - ein Grund für sie, keine Gelegenheit zu Prügeleien auszulassen.
Die Nazis unter den Skinheads werden immer weniger. Was soll der Streit noch?", meint Peter und wirft einen Blick auf die Steinbänke an der Bahn-hofstraße, auf denen sich eine Gruppe Skinheads aus Hamburg niedergelassen hat. Das rechte Lager ist isoliert: Wer sich, wie diese Hamburger, ein ro-tes Abzeichen mit der Aufschrift "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" auf die Jacke genäht hat, bleibt unter sich. Die Punks, die sich eher für Non-sensverse begeistern, tragen kaum eine Weltanschauung zur Schau: Sprüche wie "Keine Chance dem 4. Reich, schlagt die Nazis windelweich" oder "Besser Punkerfeten als Atomraketen" sind nur selten auf ihren Jacken zu lesen.

Viele Passanten, die sich ihren Weg über knirschendes Glas suchen und dabei den am Boden hockenden Grüppchen, ihren vollen Flaschen und dem Abfall aus-weichen müssen, zeigen keinen Sinn für solche Unterscheidungen der Kinder am Rande der Gesellschaft. Die müßte man alle vergasen", scheut sich ein älterer Mann nicht zu sagen - allerdings versucht er zuvor sicheren Abstand zu gewinnen. "Einfach nur auf einen Knopf drücken können, das wäre schon", stimmt ihm ein anderer zynisch bei. Beide erkämpfen sich mit den Ellbogen einen Platz am Geländer zur Passerelle und harren eine gute halbe Stunde aus, um eine Gruppe Punks bei ihrem Mahl mit Bier und Frikadellen zu beo-bachten.

Von nassen Zeitungen und leeren Bierdosen, die ziellos hinausgeworfen wer-den lassen sie sich ebensowenig abschrecken wie ein Elternpaar, das zwei kleine Jungen auf die Brüstung hebt, damit ihnen nichts von dem Spektakel entgeht. Erst als zwei Punks mit Irokesenschnitt aus der Tiefe herausstei-gen und sich mit den Worten an die Menge wenden "Was starrt ihr uns eigent-lich so an? Wir sind doch keine Tiere" lichten sich die Zuschauerplätze in-nerhalb von Sekunden. Als das Bier einige Stunden länger geflossen ist und als Folge des Alkohols dann auch gezielt Pflastersteine und Flaschen durch die Innenstadt fliegen Punks und Skinheads vereint vor den Schlagstöcken der Polizisten fliehen stehen wieder Kinder in der vordersten Linie: Zum Familieneinkaufstag hat Hannover sein Schauspiel gehabt.
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Re: Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#12 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 00:59

"Neue Presse" 4.7.83
Punker schlugen 100 Schaufenster ein
180 Festnahmen, 500 000 Mark Schaden, Millionen-Umsatzverluste

VON KLAUS GEMBOLIS

HANNOVER. Sonntagmorgen 10 Uhr: Eine Polizeikette drängt am Kröpcke 120 Punks zum Hauptbahnhof zurück. Der Schützenausmarsch geht ungestört über die Bühne.

Eine Vorsichtsmaßnahme der Sicherheitskräfte, die damit ähnlich schwere Krawalle verhindern wollten, wie sie am Tag zuvor das Deutschlandtreffen von rund 1000 Punks und Skins aus der Bundesrepublik und dem benachbarten Ausland geprägt hatten.

Die Bilanz: 180 Festnahmen, 17 verletzte Polizisten, 10 verletzte Punks und eine halbe Million Mark Schaden.

40 Strafverfahren wegen Plünderungen, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Diebstahl und Landfriedensbruch wurden eingeleitet. Die Polizei stellte Messer, Ketten, Nagelarmbänder und Stahlkugeln sicher.

Zu den Krawallen am Sonnabend war es gekommen, als die zumeist Jugendlichen in Gruppen durch die City zogen und Passanten auf der Georgstraße am Kröpk-ke und in der Passerelle belästigten.

Polizeibeamte und andere Zeugen: "Frauen wurden Einkaufstaschen aus den Händen gerissen und auf die Straße geschleudert, aus Geschäftsauslagen Ta-bakwaren und Alkohol gestohlen."

Die grölende Horde traf sich um 14 Uhr am Kröpcke. Zuvor waren Gruppen im Laufschritt durch Schmiede-, Oster-, Grupenstraße und Corvinusweg gezogen: Die rechtsgerichteten Skins schrien: "Sieg Heil."

Unter den Steinwürfen der Chaoten zerbrachen über 100 Schaufensterscheiben. Thomas Höhne (23), Inhaber des Stereo- S 4 Geschäftes "Audio-Phil" an der Grupenstraße: "Bei mir sind nicht nur die Scheiben kaputt, viel schlimmer ist, daß auch mehrere Anlagen zerstört sind. Ich schätze den Schaden auf 60 000 Mark."

Und Verkäuferin Brigitte B. (27) aus einer Boutique in derselben Straße: "Die Chaoten stahlen circa 20 Gürtel."

Kaufmann Lothar Frees, der seinen 80 000-Mark-Porsche 925 in der Schoivin-straße geparkt hatte: "Der schöne Wagen ist mit Beulen übersät. Der ganze Lack ist zerkratzt."

Nach 14 Uhr kam es im Bereich Kröpcke und. Georgstraße bis in den späten, Abend zu Schlägereien zwischen Skins, Punks und der Polizei. Die Krawallma-cher schleuderten Flaschen und Pflastersteine auf Polizeibeamte und Passan-ten.

Verängstigte Menschen, die beim Einkaufsbummel waren, suchten Schutz in Hauseingängen. Im Café Kröpcke mußten 30 Tische vor dem Haus abgebaut wer-den. Dann Schlägereien unter Punks und Skins mit Schlagringen und Stahlroh-ren, die sie von einem Baugerüst entfernt hatten.

Neckermann schloß zeitweise die Eingänge. Hettlage machte dicht.

Cafe-Kröpcke-Geschäftsführer Herbert Kemper: "Allein am Nachmittag' hatten wir 20000 Mark Umsatzverlust." In der Schmiedestraße prallt abends ein faustgroßer Stein durch das Schaufenster eines Antiquitätengeschäftes. Wertvolle Gläser zerbersten.

Insgesamt gehen die Einbußen bei den Geschäftsleuten in der City in die Millionen.

Gestern wurden 83 Skinheads wieder freigelassen.
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#13 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 01:00

:cool:
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#14 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 01:02

Punx, Skins und Polizisten treffen sich in Hannover
Bier, Schläge und Scherben


Am Donnerstag fand eine Lagebesprechung im Innenministerium statt, zu der neben Staatsschutz und Polizeiführung auch die diensthabenden Haftrichter vom Wochenende teilnahmen.

"Hallo Punx und Skins - die Polizei Hannover ist auf euer Treffen vorberei-tet", stand dann auch auf Zetteln, die Ordnungshüter ab Freitagmittag in der Innenstadt verteilten. "Laßt euch von Krawallmachern nicht verleiten oder mißbrauchen! Greifen euch rivalisierende Gruppen an könnt ihr mit un-serem Schutz rechnen. Für ein friedliches Treffen - gegen Gewalt und Cha-os." Erstaunlich lange hielten die Beamten die verordnete "Gefühl und Här-te"- Strategie durch. Erst am Nachmittag kam es zu ersten Rangeleien und Festnahmen. Bierflaschen flogen, als Polizisten in die Menge prügelten und Einzelne herausgriffen.

Am Abend verlagerte sich die Szene in Richtung Nordstadt. Im Unabhängigen Zentrum Kornstraße war ein großes Konzert mit Punk- und Skin-Gruppen ange-sagt. Hier stießen zum ersten Mal offensichtliche "Fascho-Skins" hinzu: Ei-ne Gruppe von Glatzköpfen fiel durch "Siegheil" -Rufe und andere Provoka-tionen auf. Dutzenden von Punx und Skins platzte der Kragen: Die Ausgren-zung solcher Fascho-Typen aus der Bewegung war ja ein Ziel der Veranstal-tung gewesen. Mit lautem Gejohle wurden die Provokateure die Straße runter-gejagt, an den verdutzten Schutzpolizisten vorbei, die sich links und rechts vom Zentrum aufgebaut hatten.

"Die rufen immer 'Nazis raus' und werfen Flaschen in unsere Richtung", mel-dete ein Einsatzleiter an die Zentrale und forderte Verstärkung an. Wäh-renddessen taten in großer Zahl präsente Zivile ihren Teil zur Eskalation der Ereignisse: Später mit weißen Armbinden als "Kriminalpolizei" erkennt-liche junge Männer warfen Knallfrösche und Tränengasgranaten in die Menge. Die Aufregung steigerte sich, als die Uniformierten mit Helmen und Schil-dern in geschlossener Polizeikette Front gegen die Herumstehenden machten. Schnell war auf der Straße aus Gummireifen eine Barrikade gebaut. ein paar ganz Eitrige stellten einen demolierten Mercedes quer. Heftig und teilweise handgreiflich stritten sich Leute um den tieferen Sinn einer Straßen-schlacht im Wohnviertel.

Überdurchschnittliche Alkoholwerte und aufmarschierende Polizisten ließen keine Beruhigung zu. Sprechchöre "Nazis raus" wurden zu "Bullenschweine" und schließlich knüppelte die "Polizei SA-SS" mit äußerster Brutalität den Straßenraum frei. Während draußen panische Fluchten stattfanden, drängten sich in der überfüllten Kornstraße Hunderte hinter geschlossenen Türen. Ein Wasserwerfer spritzte von der Straße aus Leute vom Dach und hielt auch mi-nutenlang im Hof des Zentrums.

Nach einer halben Stunde, der Polizeipräsident war persönlich vor Ort, wur-de der Einsatz abgebrochen. Mittlerweile schepperten in der Nähe die ersten Schaufensterscheiben von Supermärkten und Getränkeshops. Die absolut un-übersichtlichen Auseinandersetzungen dauerten bis zum frühen Morgen an. Punx mit von CS-Gas geschwollenen Augen, nach Knüppelhieben klaffenden Platzwunden und gebrochenen Armen, suchten das nächste Krankenhaus. Andere irrten mit dem Schlafsack unterm Arm durch die Stadt:" Wo sind denn die an-deren?". Polizeibilanz dieses ersten Tages: 40 Festnahmen und neun leicht verletzte Beamte.

Der Samstag begann mit einem Spaziergang über den Flohmarkt, wo danach Mi-litaristen Eiserne Kreuze vom Boden aufsammeln mußten. Schon vor dem ange-sagten Treff um 14 Uhr in der Stadtmitte ging die aus allen Teilen Nieder-sachsens zusammengezogene Ordnungsmacht zur Offensive über: Größere Ansamm-lungen von "Störern" wurden mit dem Kommando "Angreifen" aufgelöst. Im Ver-lauf der Hetzjagden in der "verkaufsoffenen" überfüllten City, an der sich auch eine in Cowboy-Manier herumbrausende 20-köpfige Motorradstaffel betei-ligte, gingen an verschiedenen Stellen Scheiben zu Bruch. Wieder gab es zahlreiche Festnahmen, knapp 40 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet.

Neben der uniformierten Bereitschaftspolizei machten Unmengen von zivilen Beamten als brutale Schlag- und Greiftruppe oder mit der Szene diskutieren-de "Psychobullen" auf sich aufmerksam. Besonders irritierend der kumpelige Ton, der zwischen ihnen und einigen Skinheads herrschte. "Gleich hauen wir die Punx platt", sagte ein Typ mit Bomberjacke zu einem "Zivilen", der be-reitwillig Zigaretten an die Umstehenden austeilte. Schließlich zog eine größere Gruppe von Skins durch die Fußgängerzone. Einige trugen schwarz-weiß-rote Aufnäher mit dem Reichsadler an den Jacken. Aufschrift: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein." Andere zeigten Totenkopfabzeichen und hoben den Arm zum Hitlergruß. Als eine größere Menge sie lautstark als Nazis be-schimpfte, schlug die Truppe plötzlich zu: Mit Karatetritten, Knüppeln und Tränengas wurden etliche Punx niedergemacht. Die Polizei hielt sich zu-nächst zurück. Eine Stunde darauf fuhren sämtliche "Nazi-Skins" ein: 83 von ihnen wurden präventiv "in Gewahrsam genommen" und bis Sonntagmittag fest-gesetzt.

Außer einer nächtlichen Spontan-Demo blieb es danach ruhig. Auch einem an-geblichen Aufruf der in Berlin erscheinenden linken Gazette 'taz"', den traditionellen Schützenaufmarsch zu "terrorisieren", kamen die "Punker und Skinheads (lederbekleidete Chaoten)" nicht nach. Diese Befürchtung hatte die hannoversche "Neue Presse" in ihrer Samstagsausgabe "aus Kreisen der Sicherheitsbehörden" verlautbart. Doch das den Hannoveranern 'allerheilig-ste' bierselige Ereignis der 12.000 Marschierer zum Schützenfest verlief völlig ungestört.

Man trifft sich eben
Richtig demonstrieren ließ die Polizei die Punx und Skins in Hannover erst, als die Innenstadt leer ist. Zwanzig Polizisten vorneweg laufen vielleicht 800 von ihnen, "Faschisten raus, Faschisten raus" oder "Ma-o-am, Ma-o-am" skandierend zum Bahnhof. Dazwischen Rufe wie "SV Werder, SV Werder" und im-mer wieder: "Punks and Skins united will win". Fragt man nach, was hier oder gegen wen gewonnen werden soll, stößt man eher auf Unverständnis: "Das ist hier eben ein Treffen. Da gibt es keinen Plan. Alle kommen zusammen, und dann guckt man, was wir machen."

Genauso hat der Samstagnachmittag in der Innenstadt begonnen. Die Punx und Skins liegen Bier trinkend, schmusend oder gerade den Rausch ausschlafend mitten in der Fußgängerzone, wo sie sonst vertrieben werden. Angst - 5.000 Punker in der Stadt ' hatte die "Bildzeitung" am Morgen noch gehetzt.

Doch die Angst haben die Bürger am Nachmittag nur vor der Polizei. Auch die Passanten müssen rennen, wenn die Behelmten loslegen. Der Rentner, der nicht schnell genug wegkommt, kriegt auch eins mit dem Knüppel übergezogen. Frauen mit Einkaufstüten schreien "warum schlagen Sie denn? Der hat doch nichts getan?". wenn Zivilpolizisten mit Motorradhelm einen am Boden lie-genden Punk zurichten. Die "normalen" Jugendlichen, die fast so zahlreich sind wie die Punx, schreien mit gegen die Polizei an. Natürlich gibt es auch die "Kopf ab/ geht doch rüber/ Arbeitslager" -Rufe. Doch sie bleiben nicht unwidersprochen und die Polizei muß sich in den Diskussionsgrüppchen, die sich am Rande bilden, später noch stundenlang rechtfertigen. Leute, die sonst am Bahnhof einen weiten Bogen um die Jugendlichen mit den bunten Haa-ren machen, fangen an, mit diesen zu diskutieren. wobe
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Re: Zeitungsberichte über die Chaostage 1983

#15 Beitragvon Alex Alzheimer » 15. Juni 2006, 01:04

"Hannoversche Allgemeine Zeitung" 5.7.83
235 Strafanzeigen / Neue Diskussi-on um Punker-Kartei
Geschäftsleute empörten sich in einem offenen Brief: "Schwere Krawalle haben Hannovers Ruf geschädigt"


In der Innenstadt schien es unter Passanten und Geschäftsleuten auch ge-stern nur ein Thema zu geben: die schweren Krawalle von Punks und Skinheads am Wochenende. Zusammenfassend teilte die Polizei dazu mit, daß 195 Jugend-liche während der Ausschreitungen festgenommen worden seien, es habe 235 Strafanzeigen gegeben. Der Sachschaden gehe in die Hunderttausende. In ei-nem offenen Brief an den Polizeipräsidenten, den Oberstadtdirektor und die Ratsfraktion hat die "Werbegemeinschaft Einkaufsstadt Hannover" inzwischen Aufschluß darüber gefordert, "wie es möglich war, daß es nicht gelang, durch Präventivmaßnahmen das stattgefundene Chaos zu verhindern".

Aufgeflammt ist offenbar auch wieder die Diskussion um die "Punker-Kartei". Nachdem sich die Mehrheit des Rates mit den Stimmen von SPD, GABL und DKP im April dieses Jahres dafür ausgesprochen hatte, die Anlegung polizeili-cher Spezialdateien entschieden abzulehnen, nahm die CDU-Ratsfraktion die neuerlichen Krawalle von Punks und Skins zum Anlaß, das Thema noch mal auf-zugreifen. "Mit der überwältigenden Mehrheit der Bürger" erwarte die CDU so heißt es in einer Stellungnahme, "das die Polizei alles ihr Mögliche tut, um die Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten." Diesem Bemühen diene dankenswerterweise auch die sogenannte Punker-Kartei.
Der Pressesprecher des Polizeipräsidiums teilte in diesem Zusammenhang mit daß die umstrittene Kartei nach wie vor existiere. Bis Ende des Jahres sol-le geprüft und entschieden werden ob sie beibehalten werde. Keine Auskunft war darüber zu bekommen, ob die "Punker-Kartei" im Verlauf des Wochenendes weitergeführt wurde.

Die "volle Ausschöpfung aller gesetzlicher Möglichkeiten gegen die betrof-fenen Gruppen" forderte der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion Josef Stock. Der Einsatz der Polizei habe die Anerkennung aller demokratischen Parteien verdient.

Demgegenüber übte Gerhard Magis, Besitzer des Bekleidungshauses am Kröpcke, Kritik am - wie er meint - zu späten Eingreifen der Polizei. In seiner Funktion als Sprecher der 150 Mitglieder zählenden "Werbegemeinschaft Ein-kaufsstadt Hannover" kreidet Magis der Polizeiführung in einem offenen Brief an, "daß zur Gefahrenabwehr im Rahmen des Gesetzes über Sicherheit und Ordnung Präventivmaßnahmen hätten durchgeführt werden müssen, um das Zusammenrotten der Punks und Skinheads im Innenstadtbereich zu verhindern". Den Geschäftsleuten in der City sei unverständlich, daß "eine Gruppe von Chaoten" sowohl das Einkaufsgeschehen stören als auch Passanten durch brutales Vorgehen in Angst und Schrecken versetzen" konnte. Dem Ruf Hannovers sei nachhaltiger Schaden zugefügt worden.

Gegenüber der HAZ wies Magis darauf hin, daß nur wenige Geschäftsleute in der City gegen Schäden versichert seien, die bei Tumult entstehen. Ein Sprecher des Deutschen Lloyd bestätigte, daß eine Glasbruchversicherung nicht dafür aufkomme, wenn Scheiben im Verlauf von Krawallen zu Bruch ge-hen. Die Klausel, in der von "inneren Unruhen" die Rede ist, trete bei An-zeigen wegen Landfriedensbruch in Kraft.

Die meisten der 235 Strafanzeigen, die die Polizei am Wochenende gestellt hat, lauten auf Landfriedensbruch. Alle Festgenommenen - der jüngste war 15, der älteste 25 sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. 67 der 195 vorü-bergehend inhaftierten jungen Leute wurden, polizeilichen Angaben zufolge, wegen strafbarer Handlungen, die übrigen vorsorglich "aus Gründen der Ge-fahrenabwehr" festgenommen.

Über die Zahl der Verletzten unter den Punks und Skins gibt es nach wie vor keine Informationen. Zwei der verletzten 17 Polizeibeamten sind immer noch dienstunfähig. sto
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